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Chinalig (Khinalig) in Aserbaidschan

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Titelbild: lyokin.com

Inhalt

Das Dorf Chinalug befindet sich auf dem Territorium des Bezirks Guba in Aserbaidschan auf einer Höhe von 2.100 bis 2.200 Metern über dem Meeresspiegel. Es ist schwer zugänglich, da sich das Dorf am Hang des Felsens Gizilgaya, am Nordhang des Nordkaukasusgebirges gegenüber dem gleichnamigen Berg – Chinalug –, befindet. Aufgrund der Tatsache, dass das Dorf verkehrstechnisch schwer zugänglich ist, konnte es seine Identität bewahren: Entsprechend ist fast die gesamte Bevölkerung indigen. Die Zahl der Einwohner beträgt zurzeit etwa 2.000 Menschen. Das Dorf Chinalug ist berühmt für seine unverwechselbare Sprache sowie die markanten Traditionen und Bräuche.

Road to Khinalig,Quba.jpg
By MetinRahimov - Own work, CC BY-SA 4.0, Link

Die Anfahrt ins Dorf

Trotz der schwierigen geografischen Lage gibt es tatsächlich eine Möglichkeit, zum Dorf Chinalug zu gelangen – aber dafür muss ziemlich viel Zeit aufgewendet werden. Viele Jahre war das Dorf vollkommen von der Außenwelt isoliert, wodurch es seine ursprüngliche Identität, Sprache und Kultur bewahren konnte. Im Jahr 2006 wurde dann eine Asphaltstraße zwischen dem Verwaltungszentrum von Guba und dem Dorf Chinalug gebaut, die auf der einen Seite an den Bergen und auf der anderen Seite an einem Abgrund entlangführt. Besucher können das Dorf nur über diese Straße erreichen.

Busse oder Minibusse fahren nicht nach Chinalug. Daher bleibt den Touristen nur die Option, ein Taxi oder den eigenen Pkw zu nutzen. In Guba kann am Busbahnhof direkt ein Taxi gechartert oder telefonisch bestellt werden. Es empfiehlt sich jedoch, das Dorf Chinalug in der warmen Jahreszeit zu besuchen, wenn die Straße mehr oder weniger in gutem Zustand und problemlos befahrbar ist. Es ist gefährlich, bei kaltem Wetter dorthin zu fahren, weil es die Straßenverhältnisse einfach nicht zulassen – und selbst viele Taxifahrer weigern sich in diesen Zeiten, Fahrgäste dorthin mitzunehmen.

Die Geschichte von Chinalug

Im Dorf selbst leben die Chinalugen, ein lokales Volk, welches sich seine Identität bewahren konnte. Es handelt sich um Ureinwohner des alten kaukasischen Albaniens. Aufgrund der Isolation der Siedlung ist jedoch offiziell wenig über die mittelalterliche Geschichte von Chinalug bekannt. Die erste Erwähnung der Siedlung in schriftlichen Quellen findet sich erst im XVIII. Jahrhundert. So ist bekannt, dass die Siedlung bis zum Ende des XVIII. Jahrhunderts Teil des Guba-Chanats war.

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Es gibt viele wissenschaftliche Thesen und sogar zahlreiche Verschwörungstheorien über die Geschichte des Dorfes Chinalug. Eine davon behauptet, dass die Arche Noah nach der Sintflut auf dem Gebiet des Dorfes Chinalug gestrandet ist. Die Siedler wären demnach also direkte Nachfahren der Menschen, die sich an Bord der Arche Noah befanden. Angeblich gab es nach der Ankunft und damit einhergehenden Ansiedlung der Personen in der Region ein starkes Erdbeben, das die komplette, von ihnen geschaffene, Wirtschaft zerstörte. Deshalb zogen die Siedler, die das Erdbeben überlebt hatten, in die Gebiete des heutigen Chinalug. Interessant ist, dass bei archäologischen Ausgrabungen auf dem Gebiet der Siedlung Artefakte in Form von Haushaltsgegenständen gefunden werden konnten, die von Menschen geschaffen wurden, die vor mehr als 2.000 Jahren gelebt haben. Eine weitere interessante Tatsache ist, dass die Sprache, die ausschließlich von den Bewohnern des Dorfes Chinalug gesprochen wird, keine lebenden verwandten Sprachen für die nächsten 4.000 Jahre aufweist.

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By Xinaliq.az - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Tradition und Religion

Die unnachahmliche Identität des Dorfes Chinalug wird durch die lokalen Bräuche und die Religion der einheimischen Bevölkerung gestützt. Der Islam wurde in der Siedlung etwa im XII. Jahrhundert n. Chr. offiziell als Glaubensrichtung angenommen. Davor war die Bevölkerung feueranbetend (Vertreter des Zoroastrismus). Trotz der offiziellen Religion gibt es im Dorf Chinalug immer noch einen Feuerkult. Derzeit gibt es sieben aktive Moscheen auf dem Gebiet der Siedlung.

Interessanterweise befindet sich etwa fünf Kilometer westlich von Chinalug, in den Bergen auf einer Höhe von etwa 3.000 Metern über dem Meeresspiegel, am Fuße des Felsens Gizil-gaya, ein Feuertempel mit natürlichen Flammen. Dieser Tempel existiert hier schon seit Jahrhunderten. Die erste Erwähnung des Tempels stammt von dem Reisenden Adam Olearius aus dem XVII. Jahrhundert. Der Kleriker Makar Barkhudaryants schrieb in seinem Werk aus dem Jahr 1893 unter anderem, dass ein „…bagin (Tempel) im Guba-Bezirk, in der Nähe des Dorfes Chinalug, in der Nähe des Vulkans namens Ateshgah, gebaut wurde, wo verschiedene Konstruktionen auf den alten Überresten von indischen Fremden errichtet wurden“.

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Was die Bräuche der einheimischen Bevölkerung betrifft, so sind die verwandtschaftlichen Bindungen hier traditionell sehr stark. So ist das Territorium des Dorfes in fünf sogenannte „Məhlə“-Viertel auf der Basis der Blutsverwandtschaft aufgeteilt. Jeder dieser Stadtteile hat sein eigenes Heiligtum und einen Friedhof. Die Schafzucht ist eine traditionelle Beschäftigung der lokalen Bevölkerung. Dies hängt damit zusammen, dass sich die traditionellen, auf Verwandtschaft basierenden Muster heutzutage leicht verändern, da Besitzer von sehr großen Schafherden auftauchen, die als wohlhabende Siedler gelten.

Aufgrund der Tatsache, dass die Bewohner von Chinalug Schafe züchten, dominieren in ihrer Ernährung Produkte tierischen Ursprungs – Fleisch, Milch, Käse und Butter. Socken und andere Kleidungsstücke werden aus Schafwolle gestrickt. Auch die Tierhäute werden für den persönlichen Bedarf genutzt bzw. verarbeitet.

Das historisch-ethnografische Museum des Dorfes Chinalug wurde im Jahr 2001 durch eine Initiative der Anwohner auf dem Territorium der Siedlung eingerichtet. Im Museum sind verschiedenste Exponate ausgestellt, die die Geschichte des Dorfes widerspiegeln. Insbesondere gibt es alte Artefakte und Gegenstände, die im Verlauf der langjährigen Existenz von Chinalug gefunden wurden. Es finden sich im Museum auch alte Dokumente, die die Entwicklung und das frühere Alltagsleben der Einwohner beschreiben.

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By Gulustan - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Architektur

Gemäß der Verordnung des Ministerkabinetts der Republik Aserbaidschan vom 2. August 2001 wurde das Dorf Chinalug in die Liste der „historischen und kulturellen Welterbestätten“ aufgenommen. Im Jahr 2008 wurde das Dorf offiziell als Weltkulturerbe ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erklärte der Präsident von Aserbaidschan das Dorf Chinalug durch ein Dekret zum historischen, architektonischen und ethnografischen Reservat.

Was die Architektur der Häuser im Dorf Chinalug betrifft, so wurden sie nach der Kaskadenbauweise geschaffen. Das Dach des weiter unten liegenden Hauses dient demnach bspw. als Veranda oder bildet einen Teil des oben liegenden Hauses. Diese Bauweise ist der Tatsache geschuldet, dass die Häuser an steilen Hügeln gebaut werden müssen, da es kein flaches Land zur Errichtung der Bauten gibt. Heutzutage findet sich diese Bauweise bei vielen Kulturen und Völkern wieder, die in bergigen Gebieten leben.

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Traditionell wird Kuhmist als Baumaterial für Wohnhäuser verwendet. Er wird üblicherweise mit Ton und Stroh gemischt, sodass die daraus resultierende Mischung durch Pressen und Brennen zur Herstellung von Ziegeln genutzt werden kann. Darüber hinaus kommt getrockneter Kuhmist häufig als Brennstoff für Öfen und Kamine zum Einsatz. Viele Häuser wurden auch aus traditionellen Steinen gebaut, die in den Bergen gefunden wurden. Manchmal werden die Steine zusätzlich behandelt, aber häufiger werden sie in ihrer natürlichen Form verwendet, um dem Eigenheim das gewisse Extra durch den ursprünglichen Charme der verwendeten Rohstoffe zu verleihen

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By Gulustan - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Xınalıq kəndinin atlı sakinləri.jpg
By Gulustan - Own work, CC BY-SA 3.0, Link

Азим и Махбуба Новрузовы жильцы села Хыналыг

Benutzte Quellen: 

http://irs-az.com/new/pdf/090621163839.pdf 

http://www.ebooks.az/view/p3eIL6ot.pdf 

https://web.archive.org/web/20071013210412/http://atlas.musigi-dunya.az/atlas/ru/et_xin_.html  

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