Adam Olearius und Şamaxı

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Dr. Michael Reinhard Heß

Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417).

Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.

Adam Olearius (1599-1671) aus Aschersleben war ein Gelehrter und Diplomat, der im Dienst des Herzogs Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottdorf (regierte 1616-1659) mehrere Reisen nach Russland und Persien unternahm. Sinn und Zweck dieser Reisen war unter anderem, Wissen über die bereisten Länder zu sammeln und politische und wirtschaftliche Beziehungen zu knüpfen.
Auf dem Weg nach Persien kam Olearius auch in die aserbaidschanische Stadt Şamaxı, wo er sich vom 30. Dezember 1636 bis zum 27. März 1637 aufhielt. Olearius legt großen Wert darauf, den Namen der Stadt in einer aussprachegetreuen Form wiederzugeben. Und zwar verwendet er dafür die Schreibweisen „Schamachie“ und „Schamachiè“, was der heutigen aserbaidschanischen Aussprache, (nach IPA ungefähr/ʃamaχɨ/) relativ nahe kommen dürfte. Şamaxı war vom Ende des 8. Jahrhunderts bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts die Hauptstadt des unabhängigen Königreichs Schirwan (aserbaidschanisch: Şirvan) gewesen, das danach von den Safaviden unterworfen wurde. Olearius identifiziert Schirwan in seinem Bericht als den nördlichen Teil Mediens („Nordertheil von Meden“), der in der Antike auf Lateinisch „Media Atropatia“ (Atropatisches Medien) genannt worden sei.
Neben Schirwan erwähnt Olearius auch „Karabach“, „Iran“ und „Adirbeitzan“ (also Aserbaidschan). „Iran“ und „Karabach“ erscheinen in Olearius´ Bericht interessanterweise als Synonyme. Er schreibt:
„IRAN, welches die meisten/ sonderlich die gemeinen Leute/ Karabach nennen/ist die Landschafft/ so zwischen den zweyen edeln Stroemen Araxes und Cyrus, jetzo Aras und Kuer genandt/ gelegen/ und begreifft in sich ein Theil von Armenien/so sie Arminieh, und Georgia/so sie Gurtz nennen/ist ein sehr fruchtbar Land/sonderlich von Seide/[…]“
Olearius´ „Iran“ ist sehr wahrscheinlich mit dem alten Namen Kaukasuslbaniens, Arran, zu identifizieren und nicht mit der neupersischen Bezeichnung für den Iran (Irān). Auch wenn diese Deutung phonetisch betrachtet auf den ersten Blick überraschend erscheint, liegt sie aufgrund von sachlichen Überlegungen nahe (mein Dank gilt an dieser Stelle Anar Abasov und Gurban Alakbarov für ihre entsprechenden Hinweise). Dazu gehört, dass in persischen Quellen wie dem Werk Rašīd od-Dīns (1247-1318) bereits im 13. Jahrhundert „Karabach“ und „Iran“ direkt miteinander in Verbindung gebracht werden und dass Olearius hier offensichtlich nicht von gesamt-Iran spricht.
Im Unterschied zu „Iran“ beziehungsweise „Karabach“ erscheint „Adirbeitzan“ bei Olearius als Bezeichnung einer Landschaft, die sich südlich des Flusses Araxes (Aras, Araz) und somit auch von Schirwan und Iran alias Karabach liegt. Schirwan und Aserbaidschan werden in Olearius´ Darstellung durch die Mugan-Steppe getrennt. Im Westen reicht „Adirbeitzan“ bis nach „Curdestan“, das Olearius mit dem antiken Assyrien gleichsetzt, im Osten bis an die iranische Landschaft Gilan. Insgesamt besteht die von Olearius beschriebene südkaukasische Topographie also aus Schirwan, Aserbaidschan und Karabach, was zugleich den Namen der entsprechenden Provinzen des Safavidenreichs entsprach.
Interessant ist, dass Olearius zufolge der (turksprachige) Ausdruck „Karabach“ damals ein verbreiteterer Ausdruck für das betreffende Gebiet gewesen sein soll als „Iran“. Hierin kann man neben einem Einfluss der safavidischen administrativen Terminologie eine Bestätigung der auch anderweitig seit dem Spätmittelalter nachweisbaren weiten Verbreitung des Toponyms „Karabach“ sehen.
Offensichtlich beschreibt Olearius´ „Karabach“ beziehungsweise „Iran“ ein Gebiet, das wesentlich größer war als die größte Ausdehnung des ein gutes Jahrhundert nach seinem Besuch in Şamaxı gegründeten Khanats Karabach. So rechnet Olearius zu den „unterschiedliche schöne Städte/Flecken und Festunge“ in Iran/Karabach nicht nur beispielsweise die Stadt „Berde“ (heute Bәrdә), sondern auch Gәncә, Nachitschewan, Tiflis sowie das in der heutigen Osttürkei gelegene Çıldır (das bei Olearius „Tzilder“ heißt). Aus dieser Ausdehnung erklärt sich auch die Angabe, dass „Iran“/ „Karabach“ einen Teil Georgiens und Armeniens einschließe.
Nach Olearius, der während seines langen Aufenthalts in Şamaxı auch Persisch lernte, wurde die Stadt von „Persern, Armenern und etlichen Georgianern bewohnet/welche/wiewol jegliche Nation ihre absonderliche Sprache hat/doch in gemein/gleich auch in ganz Schirwan, Türckisch reden“. Dies bedeutet wahrscheinlich, dass das „Türckische“ beziehungsweise eine dem Aserbaidschanischen nahestehende Form des Westoghusischen in ganz Schirwan als eine Art Verkehrssprache verwendet wurde. Dass die von Olearius gehörte westoghusische Sprache „Türckisch“ tatsächlich für das Aserbaidschanische typische Elemente enthielt, deuten Schreibungen wie „Kerchbulach“ an, die für den Dorfnamen Qırx bulaq „Vierzig Quellen“ steht (da das Dorf, welches Olearius als Teil von „Karabach“~„Iran“ bezeichnet, heute in Armenien liegt, hat es inzwischen allerdings einen armenischen Namen erhalten: Ակունք Akunk´). Auch wenn einzelne sprachliche Merkmale keine sichere Zuweisung zu dem einem oder einem anderen Bereich des Westoghusischen erlauben, deutet die Schreibung des Bestandteils „Kerch“, der für das Wort „Vierzig“ steht, wahrscheinlich auf eine spirantisierte Aussprache des Auslauts hin. Diese ist im heutigen Aserbaidschanischen Standard (qırx), wodurch sich dieses beispielsweise von der türkeitürkischen, auf westlicheren Dialekten beruhenden Norm mit Auslaut-Plosiv (kırk) unterscheidet.
Die Stadt Şamaxı steht nach ihrer historischen und kulturellen Bedeutung für Aserbaidschan auf einer Stufe mit Gәncә, Şuşa und Baku. Diese bedeutende Position bewahrte Şamaxı noch bis ins 19. Jahrhundert. Durch eine von Zar Nikolai I (der von 1825 bis 1855 regierte) Verwaltungsreform wurde es beispielsweise 1846 Hauptstadt der nach ihr benannten Gubernija (Provinz) Šemacha~Šemachy (wie die Stadt auf Russisch heißt). Diese war eine der vier Provinzen des russischen Transkaukasiens (neben den Gubernii Tiflis, Kutais und Derbent). Doch als Şamaxı im Jahr 1859, wie schon zuvor in seiner Geschichte, durch ein Erdbeben vollständig zerstört wurde, machte man Baku zur Hauptstadt derselben Gubernija, die nunmehr auch Gubernija Baku hieß. Damit verlor Şamaxı seine hervorgehobene Stellung zu einem großen Teil. Abgesehen von dem kurz darauf einsetzenden Boom der industrialisierten Ölförderung verdankt die heutige aserbaidschanische Hauptstadt ihre Stellung zu einem gewissen Teil auch der Zerstörung Şamaxıs durch das Erdbeben.
Auch in der Zeit der großen ethnischen Massaker im Jahr 1918 blieb die Stadt nicht verschont. Armenische und Bolschewiki-Militäreinheiten um Stepan Lalaev töteten Mitte April in und um Şamaxı mehrere Tausend muslimische Einwohner und vertrieben vorübergehend einen Großteil der Überlebenden.
Der Stich mit der Ansicht der Stadt Şamaxı stammt aus der gedruckten Ausgabe von Olearius´ Reisebericht.
Der gesamte Text von Olearius Beschreibung seiner Reise nach Russland und Persien ist als Faksimile online zugänglich unter http://diglib.hab.de/wdb.php?dir=drucke%2Fxb-4f-140…. Die in den Text aufgenommenen Zitate befinden sich auf den Seiten 443f. und 540-542 des Faksimiles.
Die Angaben zu den Massenmorden in Şamaxı 1918 beruhen auf den Angaben in Jörg Baberowskis Buch Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus. München: Deutsche Verlags Anstalt. Seite 139f.
Şamaxı, Aufnahme: Michael Reinhard Heß

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