Natәvan, was blieb von deinem Granatapfelgarten?

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Dr. Michael Reinhard Heß

Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417).

Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.

Zwei der faszinierendsten Frauen, die Karabachs Hauptstadt Schuscha im 19. Jahrhundert hervorgebracht hat, waren Xurşidbanu Natәvan (1837-1897) und Fatma xanım Kәminә (1841-1898).

Xurşidbanu Natәvan (auch Churschidbanu Natavan) ist ohne Zweifel die wesentlich berühmtere von beiden. Sie war die Tochter des letzten Khans von Karabach, Mehdiqulu, der unter russischer Aufsicht von 1806 bis 1822 formal seinen Titel behalten durfte, ohne wirkliche Macht zu haben. Später heiratete sie in erster Ehe auf Betreiben des russischen Vizekönigs im Kaukasus, Voroncov, Fürst Chasaj Ucmiev (1808-1867) – Alexandre Dumas der Ältere begegnete dem Paar 1858 in Baku. Aufgrund dieser Ehe durfte Xurşidbanu Natәvan auch selbst den Titel „Fürstin“, russisch knjagina, führen. Nach Ucmievs Selbstmord – der nach heutiger Annahme wohl einen politischen Hintergrund hatte – heiratete sie erneut, diesmal einen Aserbaidschaner. Im späteren Teil ihres Lebens wurde sie dann vor allem als Mäzenin berühmt. Unter anderem schenkte sie ihrer Heimatstadt Schuscha ein kilometerlanges Wasserleitungsnetz (russisch vodoprovod), das im Volksmund als „Quelle(n) der Khanstochter“ (xan qızı bulağı) bekannt war und dessen eindrucksvolle Reste auch heute noch, fast 30 Jahre nach dem Beginn der armenischen Okkupation Schuschas (8. Mai 1992) und dem durch sie ausgelösten Vandalismus, zu sehen sind. Nicht weniger berühmt ist auch Xurşidbanu Natәvans literarischer Zirkel Mәclisi-üns (was man vielleicht mit „Zusammenkunft des freundschaftlichen Umgangs“ übersetzen kann), der von 1872 bis 1891 bestand. Dort trafen sich viele, die im Musik- und Literaturbetrieb (was nicht selten dasselbe bedeutete) Schuschas und Karabachs Rang und Namen hatten. Zu ihnen gehörte auch Fatma xanım Kәminә.

Die Versammlungen des Mәclisi-üns fanden in Xurşidbanu Natәvans zweistöckigem Schuschaer Stadtpalast in der Nähe des Bazarbaşı („Anfang des Basars“) statt, der bereits in der Zeit von Revolutionen und Bürgerkrieg (1917-1922) verwüstet worden sein soll. Im Sommer fanden die Treffen des literarischen Zirkels in dem zum Palast gehörenden Garten statt, der auch mit dem nahebei gelegenen Haus von Xurşidbanu Natәvans Tochter Xanbikә verbunden war. Im Garten befand sich außerdem ein einstöckiger Winterpavillon, in dem die Sitzungen bei kaltem Wetter durchgeführt werden konnten.

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Einer Überlieferung zufolge soll Xurşidbanu Natәvans den Gästen bei Seancen des Mәclisi-üns in Eis eingelegte Granatapfelkerne serviert haben, die bei Kerzenlicht wie Rubine leuchteten und die Gäste sicherlich zu poetischen Gedanken inspirierten. Von Fatma xanım Kəminə stammt der möglicherweise in Erinnerung daran geschaffene Doppelvers

İnnab ləbin, cana, təşbih edib aşiqlər,
Nar dənəsidir, guya, düşmüş buz arasında
„Deinen Jujubenmund, mein Schatz, verglichen Verliebte

Mit Granatapfelkernen, die zu Eiswürfeln man streute hinzu.“

Der aserbaidschanische Jurist, Historiker und Publizist Zaur N. SadigBayli hat seinem soeben veröffentlichten Bericht über die Reise der Vertreter der aserbaidschanischen Diaspora Frankreichs nach Schuscha Ende Juli 2021 ein Foto von der palastartig wirkenden „Maison de Natavan détruite“ beigefügt, bei der es sich um den Schauplatz des berühmten Mәclisi-üns handeln dürfte. Man erkennt deutlich die Reste einer zweistöckigen Struktur.

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Was für ein trauriger Anblick: Der Garten, in dem die Hochkultur Aserbaidschans eine ihrer schönsten Blütezeiten erlebte, die eine, zwei Generationen später die genialen Meisterleistungen eines Üzeyir Hacıbәyov (1885-1948) hervorbrachte, wurde durch den blinden Hass, die Gewalt und die Verständnis- und Kommunikationslosigkeit des 20. Jahrhunderts in einen Haufen kaputter Steine verwandelt. Von der höchsten Stufe der Zivilisation buchstäblich in die Steinzeit dauerte es nur wenige Jahrzehnte – ein Weg, den auch Deutschland wenige Dekaden nach dem Tod Xurşidbanu Natәvans ging, uns allen (hoffentlich) zur Mahnung. Das ist die Konsequenz von ausschließendem Nationalismus, Hass auf andere Völker und Kulturen, Überlegenheitswahn und Rassismus.

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Aber es liegt auch Hoffnung in dem Foto aus Schuscha verborgen, denn die Dichtung Xurşidbanu Natәvans und Fatma xanım Kəminəs hat bis heute überlebt, ebenso wie die aserbaidschanische Musik, der muğam und die Werke Hacıbәyovs und vor allen Dingen der Geist der Menschlichkeit, Freude, Hoffnung und Liebe, die in ihnen konserviert sind.
Haus von Churschidbanu Natawan vor armenischer Okkupation
Nach der Okkupation Foto: Reza Photojournalist
„Quelle der Khanstochter“ (Xan qızı bulağı) Bildquelle: prezident.az
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