Michael Reinhard Heß über Ceyhun bәy Hacıbәyli (1891-1962)

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Dr. Michael Reinhard Heß

Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417).

Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.

Ceyhun bәy Әbdülhüseyn oğlu Hacıbәyli (2. Februar 1891-22. Oktober 1962) war nach Zülfüqar Hacıbәyli (1884-1950) und dem weltberühmten Komponisten Üzeyir Hacıbәyli (1885-1948) der jüngste der drei Hacıbәyli-Brüder (deren Name auch in russifizierter Variante als Hacıbәyov wiedergegeben wird).

Dass es Ceyhuns Bekanntheit mit dem Ruhm seines Bruders Üzeyir, der die islamische und aserbaidschanische Oper revolutionierte, nicht aufnehmen kann, sagt naturgemäß nichts über Ceyhuns tausendsasssahafte Talente. Nach der Grundschulausbildung in der Heimatstadt der Hacıbәylis, Şuşa (in Karabach), schloss er seine Schullaufbahn in Baku ab, das damals schon die Wirtschafts- und Kulturmetropole Aserbaidschans war.

Ceyhuns Leistung und Kreativität kann sich selbst neben der seines berühmten Bruders durchaus sehen lassen. Das zeigte sich schon darin, dass er mit Üzeyir gemeinsam an dessen Oper „Leyli und Medschun“ (Leyli vә Mәcnun) arbeitete. Damit nicht genug: Ceyhun spielte in der Bakuer Uraufführung (Januar 1908) gleich zwei Rollen in dieser bahnbrechenden Oper, die des İbn Sәlam und des Nofәl.

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Nachdem er im Jahr 1908 für kurze Zeit mit Üzeyir als Lehrer in Baku gearbeitet hatte, nahm Ceyhun im Jahre 1909 ein Jurastudium an der Universität von St. Petersburg auf und wechselte von dort an die Sorbonne in Paris.

In dieser Zeit nahm Ceyhun Hacıbәyli eine rege journalistische und wissenschaftliche Publikationstätigkeit auf, die er bis zu seinem Lebensende nicht unterbrach. Er publizierte sowohl in aserbaidschanischen als auch europäischen Periodika, darunter so prestigeträchtigen wie der Revue du Monde Musulman. Er informierte seine europäischen Leser unter anderem auch über die Entstehung von Leyli vә Mәcnun. Von Anbeginn an standen aber auch gesellschaftliche und politische Themen im Fokus von Ceyhuns Interesse.

Nach Abschluss seines Studiums kehrte er 1916 nach Baku zurück. Es war mitten im Krieg und eine für den gesamten Kaukasus mehr als schwierige Zeit. Naturgemäß ging Ceyhun in seinen Veröffentlichungen aus dieser Zeit auf das Leiden seines Volkes ein.

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Nachdem die Februarrevolution von 1917 in Baku das „Exekutivkomitee der Gesellschaftlichen Organisationen“ (auf Russisch: Ispol´nytel´nyj komitet obščestvennych organizacij) als lokale Vertretung der Provisorischen Regierung hervorgebracht hatte, übernahm er die Redaktion von deren Organ.

Die publizistische Tätigkeit Ceyhun Hacıbәylis war fortan von seinem politischen Engagement kaum noch zu trennen.

Beides intensivierte sich in der Zeit der Demokratischen Republik Aserbaidschan, die am 28. Mai 1918 ausgerufen wurde. Ceyhun Hacıbәyli redigierte die aserbaidschanische Ausgabe von deren offizieller Zeitung „Aserbaidschan“ (Azәrbaycan). Die politische Karriere Ceyhun Hacıbәylis erreichte ihren Höhepunkt, als er 1919 als Teil der aserbaidschanischen Delegation zur Pariser Friedenskonferenz reiste. Als Redakteur von Azәrbaycan zeichnete fortan sein Bruder Üzeyir.
In Paris setzte Ceyhun Hacıbәyli seine Publikationstätigkeit mit unermüdlichem Fleiß fort. Zu den Themen seiner wissenschaftlichen und journalistischen Publikationen gehörten die Demokratische Republik Aserbaidschan, aber auch die im Verlaufe des Jahres 1918 von armenischen bewaffneten Einheiten in Baku, Şamaxı und anderen Orten verübten Massaker. Eine der bedeutendsten Leistungen Ceyhun Hacıbәylis auf wissenschaftlichem Gebiet war es, der orientalistischen Community Leben und Werk des aserbaidschanischen Historikers Abbasquluağa Bakıxanov (1794-1846) nahezubringen, der zugleich Abkömmling der letzten Khansfamilie von Baku war. Neben Geschichte, Politik und Literatur widmete sich Ceyhun Hacıbәyli auch der Linguistik.
Aufgrund des Überfalls der Bolschewiki auf die Demokratische Republik Aserbaidschan im April 1920 konnte Ceyhun Hacıbәyli nicht mehr in seine Heimat zurückkehren. Bis zum Ende seines Lebens wirkte er in Paris als nimmermüder Vermittler der aserbaidschanischen Kultur im Westen.
Er starb 1962 in Paris.

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Quelle:
Mahmudov 2004-2005. Mahmudov, Yaqub (Hgg.): Azәrbaycan Xalq Cümhuriyyәti Ensiklopediyası [Eine Enzyklopädie der Volksrepublik Aserbaidschan]. 2 Bde. Baku: Lider Nәşriyyat. Bd. 1., Seite 403f.

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