Insel Nargin (Böyük Zirə): Geschichte der Insel und der türkischen Kriegsgefangenen

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Die Insel Nargin kann von fast jedem Ort in Baku gesehen werden. Sie ist 15 Kilometer von der Küste entfernt, aber nur wenige Urlauber oder Einheimische haben sie je besucht. Es handelt sich um einen Ort, der sowohl im Volksmund als auch der Fachliteratur als unheimlicher Wächter der Stadt Baku bezeichnet wird. Die Geschichte der Insel ist geprägt von Gewalt, Folter, Hunger und Tod, kamen auf ihr doch unzählige Personen unter grausamen Bedingungen ums Leben.

Im Altertum war der Pegel des Kaspischen Meeres viel niedriger als heute: Damals war die Insel Nargin noch mit dem Festland verbunden. Der Beweis für diese Tatsache wurde mittlerweile von vielen Wissenschaftlern und Forschern erbracht. Zum Beispiel kam Emil Lenz, ein Akademiker und der Autor der berühmten Gesetze der Physik, einmal nach Baku, um die Schwankungen des Wasserpegels des Kaspischen Meeres zu untersuchen. Er besuchte die Insel und fand Zeugnisse antiker Siedlungen – Spuren von Gebäuden sowie in den Fels gehauene Vertiefungen. Angesichts der Tatsache, dass es auf der Insel selbst kein Wasser gab, war es logisch zu folgern, dass es früher eine Verbindung mit dem Festland gegeben haben musste. Dem aserbaidschanischem Wissenschaftler Abbasqulu Bakixanov gelang es sogar, auf dem Steinplateau der Insel Spuren von zweirädrigen Karren nachzuweisen.

Nach dem Untergang des Festlandes blieb die Insel lange Zeit unbewohnt bzw. ungenutzt. Am Ende des Ersten Weltkriegs beschloss dann die zaristische Regierung, ein Kriegsgefangenenlager auf der Insel einzurichten.

Leuchtturm auf der Insel

Einigen Quellen zufolge wurden auf der Insel Kriegsgefangene festgehalten, hauptsächlich Soldaten und Offiziere der osmanischen, aber auch der österreichisch-ungarischen Armee. Außerdem wurden hier persische, russische und osmanische Staatsangehörige interniert. Von 1915 bis 1916 durchliefen etwa 20.000 Kriegsgefangene das Lager, von 1917 bis 1918 stieg die Zahl sogar auf etwa 25.000.

Nargin ging als das brutalste aller europäischen Straflager in die Geschichte ein – nicht nur wegen des Regimes, sondern auch aufgrund der katastrophalen Bedingungen, die dort herrschten: Folter und Hunger standen an der Tagesordnung.

Wie Nargin in ein Gefängnis und einen Friedhof verwandelt wurde

Die Idee, ein Konzentrationslager auf der Insel Nargin einzurichten, hatte Fürst Alexander von Oldenburg. Am 27. Januar 1915 wandte dieser sich schließlich mit der Bitte an Admiral E. V. Klüpfel, eine passende Insel im Kaspischen Meer für ein derartiges Lager zu finden. Am 19. Februar desselben Jahres machte sich Oldenburgsky zusammen mit dem Chef der Bakuer Polizei, dem Gouverneur und einem Ingenieur auf den Weg zur Insel. Da sie die Umgebung für zweckdienlich erachteten, fiel am Ende der Entschluss, das Lager an diesem Ort zu errichten.

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Die Baracken wurden damals im Eiltempo aus morschen Brettern gebaut. Die Vorrausetzungen waren entsetzlich, mit unvorstellbaren Hygienebedingungen und einem Mangel an Medikamenten, Wasser und Nahrung. Wenn an manchen Tagen ein Sturm wütete, war es einfach unmöglich, Proviant und Wasser nach Nargin zu transferieren, aber selbst wenn das Wetter gut war, war die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln minimal und die Qualität der Produkte ungeheuerlich.

Kriegsgefangene

An anderen Tagen wurden mehr als 11.000 Kriegsgefangene – Deutsche, Ungarn, Türken, Österreicher und Tschechen – auf der Insel festgehalten. Sie mussten warmes, fauliges Wasser trinken und tagtäglich unter der stickigen Hitze leiden, die im Lager herrschte. Die Insassen wurden ständig von den Wachen schikaniert und litten unter enormen Bettwanzenbissen. Als häufige Todesursache gelten u. a. auch Schlangenbisse; im ganzen Lager verbreiteten sich zudem Ratten und Infektionskrankheiten (wie Cholera, Typhus).

Jeden Tag starben im Lager Nargin Dutzende von Menschen, die dort ebenfalls begraben wurden. Auf der erhöhten Ostseite der Insel wurden für diesen Zweck Gruben ausgehoben, in denen die Leichen gestapelt und mit einer dicken Kalkschicht bedeckt wurden. Es gab keinerlei würdevolle Bestattungen. Der Zweck heiligte hier scheinbar die Mittel: Wenn ein Loch dann bis zum Rand mit Leichen gefüllt war, wurde es einfach zugeschüttet und ein neues daneben gegraben.

Kriegsgefangene

Türkische Kriegsgefangene auf der Insel Nargin

Nargin wurde sowohl als ständiges Häftlings- als auch als Durchgangslager genutzt. Außerdem wurden hier massenhaft Opfer des stalinistischen Terrors erschossen und verscharrt. Nach einem formellen Urteil wurden die Gefangenen mit Lastkähnen hierher gebracht, wobei sie oftmals gar nicht auf der Insel ankamen, sondern einfach unterwegs ertränkt wurden, um kostbare Munition zu sparen.

Eine Reihe von Häftlingen nahm später aktiv am beginnenden Bürgerkrieg (1917) teil. Nach dem Einmarsch der Truppen der kaukasischen islamischen Armee in Baku im Herbst 1918 endete schließlich die Gefangenschaft der türkischen Häftlinge auf der Insel Nargin.

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Nach der Ankunft der Bolschewiken änderte sich die Situation nicht wesentlich. Ein weiteres Lager wurde auf der Insel eingerichtet, nur war es jetzt nicht für Kriegsgefangene, sondern für Insider. Das Lager wurde als „Aserbaidschanischer Gulag“ bezeichnet – und man konnte aus allen möglichen Gründen hierher gelangen: aufgrund des Bildungsgrades, der Herkunft, wegen Unzuverlässigkeit – oder weil man am falschen Ort der falschen Person einen Witz erzählt hatte. Die Inhaftierungen waren demzufolge eher willkürlich, als stets gerechtfertigt.

Ramazan Khalilov, ehemaliger Direktor des Uzeyir Hajibeyov Museums, verbrachte mehrere Monate auf der Todesinsel Nargin. Er erinnert sich, dass sie alle in den beengten, stinkenden und schmutzigen Baracken lebten, in denen zuvor die türkischen Gefangenen untergebracht waren. Im Sommer war die Insel eine lebende Hölle auf Erden – tagsüber herrschte eine unerträgliche Hitze und die Häftlinge fühlten sich wie in einem Ofen, während die schwülen Nächte kaum Erleichterung brachten. Die Menschen litten unter Hunger, mussten warmes und verdorbenes Wasser trinken, was regelmäßig zu Ausbrüchen von Magen-Darm- und Infektionskrankheiten führte. Auch Mücken, fingernagelgroße Flöhe, bösartige Ratten und giftige Schlangen plagten die Kriegsgefangenen rund um die Uhr.

Anzumerken ist, dass es sich bei dem beschriebenen Zeitraum um das Jahr 1920 handelte: die Zeit der Sowjetmacht, als die Insel mehr oder weniger wieder aufgebaut wurde. Im Jahr 1914 wurden die ersten 5.000 bis 7.000 Häftlinge auf die damals völlig leere Insel verschleppt und provisorisch in Zelten untergebracht.

Nur wenige der Menschen, die in den ersten drei Jahren auf der Insel waren, überlebten. Dabei haben es elf Türken geschafft, der Hölle Nargin zu entkommen, um der Welt die Wahrheit über die Geschehnisse und die bestialischen Zustände auf der Insel zu erzählen. Die Türkei hat später sogar einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Cehennem adasi Nargin“ (Die Insel der Hölle Nargin) gedreht, der auf den Geschichten der entkommenen Gefangenen basiert.

Im Jahr 2007 führten die türkischen Historiker Bingur Sonmez und Ibrahim Yildirim Ausgrabungen auf Böyük Ziryə (neue Benennung der Insel seit 1990) durch. Sie fanden dort die Überreste von osmanischen Soldaten, die daraufhin in der Türkei in der  Gedenkstätte „Allahuekber Dağı Şehitliği“ neu begraben wurden.

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„Cehennem adasi Nargin“

Neue Geschichte der Insel Nargin

Zunächst gab es in dem sowjetischen Aserbaidschan einen Ölboom, woraufhin Industrielle begannen, Tanker für den Öltransport einzusetzen, was zu Spannungen in der maritimen Kommunikation führte. Ein auf der Insel Nargin errichteter Leuchtturm half dabei, dieses Problem zu lösen – dieser Leuchtturm ermöglichte es Schiffen, nachts oder bei schlechtem Wetter in die Bucht von Baku einzufahren. Bei dem Leuchtturm handelte es sich um einen einstöckigen Steinbau mit einem drei Meter hohen Turm und einer Laterne. Er musste allerdings während des Zweiten Weltkriegs gesprengt werden, wodurch das Wahrzeichen für die Nazi-Fliegerei zerstört wurde. Am Ende des Krieges wurde auf der Insel alles, was in irgendeiner Weise an das Lager erinnerte, dem Erdboden gleichgemacht. Anstelle von Kasernen baute man auf der Insel Baracken, in denen die militärische Luftverteidigungseinheit untergebracht wurde.

Beim Bau der Nebengebäude fanden die Soldaten später zahlreiche Zeugnisse für Gruppenbestattungen auf der Insel. Es wurde versucht, diese gefundenen Knochen als antike Überreste auszugeben, aber die Goldkronen und Metallzähne, die zwischenzeitlich gefunden wurden, lassen diese Hypothese leider nicht glaubhaft erscheinen.

Benutzte Quellen: 

https://525.az/news/161721-boyuk-zire-nargin-cehennem-ve-olum-adasi

https://ourbaku.com/index.php/“Тайна_острова_Нарген%22https://

Лагерь_для_турецких_военнопленных_на_острове_Наргенhttps://azerhistory.com/?p=5316

https://masimovasif.net/остров-наргин-беюк-зире-история-остро/

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