Aserbaidschan und der Islam

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Titelbild: Türkische Şehitlik-Moschee und Flame Towers © islamnews.ru/
Dr. Michael Reinhard Heß

Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417).

Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.

Das Verhältnis zur Religion wird in der Republik Aserbaidschan unter anderem in der Verfassung festgelegt. Ihr Artikel 18 enthält (in der leicht geänderten Fassung aus dem Jahr 2009) drei Bestimmungen. Erstens: „In der Republik Aserbaidschan ist die Religion vom Staat getrennt. Alle religiösen Überzeugungen sind vor dem Gesetz gleich.“ Zweitens: „Die Verbreitung und Propagierung religiöser Strömungen, welche die Menschenwürde herabsetzen oder den Prinzipien der Humanität widersprechen, ist verboten.“ Und drittens: „Das Staatliche Bildungswesen trägt einen weltlichen Charakter.“[1]

Damit definiert sich der aserbaidschanische Staat als laizistischer, säkularer Rechtsstaat, in dem jegliche Form der Religion der Macht des Gesetzes unterworfen ist und keinesfalls umgekehrt. Zumindest die Verbreitung und Propagierung – über Ausübung oder Anhängerschaft sagt der zitierte Passus strenggenommen nichts – jeglicher Religion wird zudem an die modernen Kategorien Humanismus und Menschenwürde geknüpft. Dadurch wird das Konzept des säkularen und laizistischen Rechtsstaats direkt mit den Werten verbunden, die etwa in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UN ihren Ausdruck gefunden haben.[2]

Wenn man also davon spricht, dass Aserbaidschan ein islamischer oder islamisch geprägter Staat sei, muss man sich vor Augen führen, dass dies ungefähr so gilt, wie beispielsweise Frankreich als christlicher oder christlich geprägter Staat bezeichnet werden kann. Also etwa im Sinne einer kulturellen Prägung, die aber am staatlichen Trennungsgebot von Religion und staatlicher Sphäre und in der Bindung an Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde an ihre Grenzen stößt. Auf jeden Fall macht der Blick auf die aserbaidschanische Verfassung deutlich, worin das Potential der Republik Aserbaidschan in unserer heutigen Welt liegen kann, in der „Islam“ und „westliche Werte“ in vielfacher Hinsicht die Tendenz haben, als einander ausschließende Kategorien wahrgenommen zu werden, als Chiffren der Intoleranz und als Vorlagen für wechselseitige Gewaltausübung.

Allerdings ist es zur Herstellung einer pluralistischen und toleranten Gesellschaft noch nie ausreichend gewesen, dass laizistische, säkularistische, pluralistische und tolerante Prinzipien nur auf dem Papier oder im Internet stehen. Entscheidend ist die Umsetzung und Aufrechterhaltung. Ob diese stattfinden, hängt zu einem guten Teil vom Funktionieren eines unabhängigen Justizsystems ab. Das Beispiel Türkei hat gezeigt, wie unter anderem das Versagen der Rechtsordnung und Justiz dazu führte, dass lange Zeit für ehern und unumstößlich gehaltene Prinzipien der Laizität binnen weniger Jahre einfach hinweggefegt wurden. In der Türkei erwies sich auch, dass die – von Mustafa Kemal vorübergehend durchgesetzte – Zurückdrängung der islamischen Religion aus dem Bereich des Staatlichen doch nicht von Dauer und in weiten Teilen der Bevölkerung nicht verankert war. Das hat neben anderen Gründen wie einem Hang zum Militarismus auch damit zu tun, dass die türkischen Kemalisten nicht begriffen, wie wichtig für viele Türken ihre Verwurzelung in der islamischen Kultur ist. Diese umfasst neben der eigentlich religiösen Sphäre auch  über sechs Jahrhunderte gewachsene hochentwickelte Leistungen in Literatur, Kalligraphie, Musik, Architektur und anderen Bereichen.

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Auch in Aserbaidschan hat das Verhältnis von Staat und Religion natürlich eine historische Dimension. Die heute zu beobachtende besondere Ausprägung des aserbaidschanischen Islams hat ihre Wurzeln zum Teil in der für die aserbaidschanische Nationenbildung entscheidenden historischen Epoche am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals wurden unter anderem intellektuelle Strömungen einflussreich, die Islam, Türkentum und Moderne explizit miteinander verbanden, , ja amalgamierten. Einer ihrer Vordenker war der aserbaidschanische Schriftsteller, Gelehrte und Aktivist Әli bәy Hüseyn bәy oğlu Hüseynzadә (1864-1940), auf den das berühmte Motto „Sich türkisieren, sich islamisieren, sich modernisieren“ (türklәşmәk, islamlaşmaq, müasirlәşmәk) zurückgeht.[3] Solche Interpretationen der islamischen Tradition, die dabei weder als feindlicher Gegensatz zur türkischen (beziehungsweise aserbaidschanischen) Nation noch zur westlich inspirierten Moderne aufgefasst wird, trugen entscheidend dazu bei, dass unter den Vorläuferstaaten der jetzigen Republik Aserbaidschan die erste demokratische und zugleich islamische Republik der Geschichte auftrat, die Demokratische Republik Aserbaidschan (1918-1920). Ihr Gründungsdatum liegt mehr als fünf Jahre vor der Ausrufung der weltweit wesentlich bekannteren Republik Türkei. Spuren des oben zitierten Dreiklangs findet man übrigens mühelos auch noch in der Gegenwart Aserbaidschans. Eine Deutung der drei Farben der aserbaidschanischen Flagge sagt beispielsweise aus, dass das Grün darin für den Islam, das Blau für die türkische Herkunft und das Rot für die genannten westlichen Werte stehe. Auch hier erscheint Aserbaidschan wieder als eines der ganz wenigen Länder, in dem eine friedliche, produktive und vielversprechende Synthese von islamischer Tradition und westlichen Werten noch praktiziert wird.

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Für das historische Verständnis der Besonderheiten des aserbaidschanischen Islams ist auch der russische Kultureinfluss bedeutsam. Auch wenn viele Aserbaidschaner die Rolle, die Russland in den letzten Jahrhunderten im Südkaukasus spielte, überaus kritisch beurteilen – im Hinblick auf den russischen Imperialismus, die Trennung von Nord- und Südaserbaidschan im Gefolge des Vertrags von Türkmәnçay (1828), den sowjetrussischen Überfall auf Aserbaidschan im April 1920, den „Schwarzen Januar“ von 1990 und so weiter – war die ungefähr 160 Jahre dauernde feste Inkorporierung des Gebiets der heutigen Republik Aserbaidschan doch auch ein prägender Faktor in der Modernisierung Aserbaidschans und somit auch in der Herausbildung einer neuen Interpretation der islamischen Überlieferung.

Wenn man sich nach all der rechtlichen und gesellschaftlichen Theorie nun auf die Suche nach dem gelebten Islam in Aserbaidschan begibt, stößt man zunächst auf das aus anderen Zusammenhängen wohlbekannte Problem der Abgrenzbarkeit. Selbst in statistischen Übersichten, in denen von „Muslimen“ die Rede ist, ist nicht immer vollkommen klar, was es denn im konkreten Einzelfall bedeutet, das X oder Y ein Muslim sei. Diese Kategorie kann in Aserbaidschan, wie in anderen Ländern auch, alles Mögliche bedeuten. Es mag eine Person sein, die sich streng an religiöse Vorschriften (unterschiedlicher  Zusammenstellung, mit oder ohne besondere Kleidung, Moscheebesuch, regelmäßiges Ritualgebet, Schweinefleischverzicht und so weiter) hält oder aber eine, die diese mehr oder weniger frei handhabt, bis hin zu jemandem, der nur ein eher abstraktes oder sogar rudimentäres Verhältnis zum Islam hat. Oder aber – für Aserbaidschan charakteristisch, aber für den an Schubladendenken gewohnten Fremden oft überraschend – beide Herangehensweisen vereinigen sich in denselben Personen. Nach dem minutiös vollendeten rituellen Abendgebet dem Wodka reichlich zuzusprechen, muss in Aserbaidschan kein Widerspruch sein, ebenso wenig übrigens wie unter den ebenfalls zu den muslimischen Turkvölkern gehörenden Uiguren und Kasachen. Dies steht in deutlichem Gegensatz zur beispielsweise in der Türkei bis hin zu absurden Formen gesteigerten religiös verkleideten Antialkoholhysterie. „Westliche“ und „islamische“ Werte werden in Aserbaidschan vielfach nicht gegeneinander aus- und aufgespielt, sondern ergänzen, befruchten und inspirieren einander. Angesichts der zahlreichen Nuancierungen, wie sie in Aserbaidschan gang und gäbe sind, sprechen manche Autoren lieber erst gar nicht von „Islam“, sondern benutzen Begriffe wie „islamische Prägung“[4] oder den englischen Adjektiv-Neologismus Islamicate.

Ungeachtet aller eventuell vorhandenen begrifflichen Ungenauigkeiten geht man im Allgemeinen davon aus, dass über 97 % der Aserbaidschaner auf die eine oder andere Weise Muslime sind.[5] Ungefähr 3 % der Einwohner der Republik Aserbaidschan gelten als Christen Juden, Angehörige anderer Religionen sowie Konfessionslose, Agnostiker, Atheisten und so weiter.[6]

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Kein noch so kurzer Ritt durch die Phänomenologie des aserbaidschanischen Islam sollte ohne einen Hinweis darauf auskommen, dass die allermeisten aserbaidschanischen Muslime Schiiten sind. Auch hier manifestiert sich eine nicht immer gebührend beachtete Sonderstellung Aserbaidschans: ausgerechnet dieses Land, dessen vorherrschende Religion so eng mit der der Islamischen Republik Iran verwoben ist, ragt als Modell für die Verbindung von islamischer Tradition und westlicher Moderne heraus. Schiiten bilden zu beiden Seiten der aserbaidschanisch-iranischen Grenze die Bevölkerungsmehrheit, aber auf doch sehr unterschiedliche Weise.

Was den aserbaidschanischen Islam als kulturelles Phänomen ausmacht, ist noch eine ganz andere Geschichte, oder vielmehr eine nie endende Geschichte mit unendlich vielen einzigartigen Facetten und einer reichhaltigen Literatur, Musik und Kunst. Sie kann man nicht in einem kurzen Blog umreißen.

Quellen und Links:

[1] Siehe den aserbaidschanischen Text in Http://www.e-qanun.az/framework/897 [besucht am 5. Mai 2021].

[2] Vgl. Https://www.un.org/depts/german/menschenrechte/aemr.pdf [besucht am 5. Mai 2021].

[3] Fenz 2000: 96; Mahmudov 2004-2005, vol. 1: 437-439, s.v. Hüseynzadә Әli bәy Hüseyn bәy oğlu, hier S. 438. Vgl. Baberowski 2003: 56.

[4] Oppeln/ Läzer/ Altmann 2012: 29.

[5] Junusov 2019. Junusov Arif: Statistika religioznoj situacii v
Azerbajdžane, in: Institute for Peace and Democracy.
2019. Im Internet: https://www.ipd-az.org/wp-content/uploads/2019/12/Religious-statistics-Azerbaijan-2019-ru.pdf, [besucht am 5. Mai 2021]

[6] Ebnd.

Baberowski 2003. Baberowski, Jörg: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus. München: Deutsche Verlags Anstalt.

Mahmudov 2004-2005. Mahmudov, Yaqub (Hg.): Azәrbaycan Xalq Cümhuriyyәti Ensiklopediyası [Enzyklopädie der Volksrepublik Aserbaidschan]. 2 Bde. Baku: Lider Nәşriyyat.

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