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Thomas Weiberg – Üzeyir Hajibeyov (1885-1948): Ein Leben für die Musik (1. Teil)

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Thomas Weiberg

Thomas Weiberg

Thomas Weiberg ist Historiker und hat sich seit vielen Jahren immer wieder mit verschiedenen Aspekten der deutsch-osmanischen Beziehungen zwischen 1871 und 1918 beschäftigt. So hat er unter anderem die Tagebücher der Großherzogin Elisabeth von Oldenburg , die sie 1902 während ihres Besuches bei Sultan Abdül Hamid II. verfaßte, mit ausführlichen Kommentaren versehen herausgegeben und verschiedene Aufsätze zu Kaiser Wilhelm II. und seinem Orientinteresse sowie zu Bismarcks Orientpolitik publiziert. Thomas Weiberg lebt in Berlin und arbeitet seit 2005 für die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten.

Um es gleich vorweg zu nehmen, ich möchte weder eine ausführliche Biographie dieses in Deutschland leider nahezu unbekannten, in Aserbeidschan jedoch bis heute hochverehrten Komponisten schreiben – noch eine akribische Inhaltsangabe seiner Opern und Singspiele liefern. Allerdings möchte ich die Musikfreunde unter uns auf diese hier weitgehend unbekannten Opern-Schätze und die weiteren Musikstücke Üzeyir Hajibeyovs aufmerksam machen – und in dieser zuweilen doch etwas mühsamen Zeit der Häuslichkeit dazu anregen, sich die reizvolle Musik und die orientalischen Sujects seiner Opern zu erschließen.

Als bekennender Opernliebhaber kann ich sagen, daß ich seit etlichen Jahren auch zu einem ›Hajibeyov-Musik-Freund‹ geworden bin und so überhaupt die Schönheit der sehr vielfältigen aserbeidschanischer Musik entdeckt habe. 🎶

Doch wer war Üzeyir Hajibeyov (Üzeyir bəy Əbdülhüseyn oğlu Hacıbəyli; der Buchstabe ə wird im Aserbeidschanischen wie ein ä gesprochen)? Geboren 1885 im aserbeidschanischen Ağcabədi, das damals zum Gouvernement Şuşa und zum russischen Kaiserreich gehörte, kam er früh mit aserbeidschanischer Dichtung und auch Musik in Berührung, denn sein Vater war der Sekretär und Gutsverwalter von Prinzessin Khurshidbanu Natavan, die bis heute als eine der bedeutendsten Dichterinnen Aserbeidschans gilt und die Tochter des letzten Khans von Karabach war. Üzeyir Hajibeyovs Mutter wuchs zudem bei Khurshidbanu Natavan auf.

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Die Region um Şuşa in Karabach gilt bis heute als eines der wichtigsten Zentren aserbeidschanischer Kultur überhaupt, Dichtung und Musik nehmen in diesem Zusammenhang einen hohen Stellenwert ein; das während des Krieges zu Beginn der 1990er größtenteils zerstörte und noch immer in Ruinen liegende Şuşa wurde deswegen oft das ›Konservatorium des Kaukasus‹ genannt.

Früh wurde Üzeyir Hajibeyov musikalisch gebildet und lernte die reiche aserbeidschanische Musik (vor allem Muğam), ihre Aufführungstradition sowie ihre speziellen Instrumente kennen. Gleichzeitig kam er sowohl mit den klassischen Literaturstoffen des Orients als auch mit denen Europas in Berührung und sammelte als Heranwachsender erste Erfahrungen als Sänger klassischer aserbeidschanischer Muğamstücke.

Zwischen 1899 und 1904 wurde Hajibeyov am Transkaukasischen Lehrerseminar im georgischen Gori zum Grundschullehrer ausgebildet, lernte dort verschiedene Instrumente – unter anderem Geige und Violoncello – zu spielen und kam intensiv mit der klassischen europäischen (russischen) Musik in Kontakt. Nach einer Zwischenstation als Dorfschullehrer in der Region Karabach ließ er sich 1906 zunächst als Lehrer dauerhaft in Baku, der auch damals prosperierenden Metropole mit ihrem bunten Völkergemisch und einem reichen Kulturleben, nieder.

1907 komponierte Üzeyir Hajibeyov dann seine erste Oper ›Leyli və Məcnun‹ (Leyli und Majnun [der von Leyla Besessene]), deren Stoff – die große orientalische Liebesgeschichte von Leyla und Qays, die erst im Tod zueinander finden können – bereits auf das 7. Jahrhundert zurückgeht.
Das Libretto schrieben Üzeyir Hajibeyov und sein jüngerer Bruder Ceyhun (1891-1962) gemeinsam, sie griffen dafür auf Fuzulis im 16. Jahrhundert entstandene Bearbeitung der tragischen Liebesgeschichte zurück. Für die Musik dieser ersten (eigenständigen) Oper der islamischen Welt verschmolz Hajibeyov erstmals die orientalisch-aserbeidschanische mit der europäischen Musiktradition und schuf so einen äußerst reizvollen musikalischen Dialog zwischen Orient und Okzident.

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Die begeistert aufgenommene Uraufführung der Oper fand im Januar 1908 in Baku statt, Üzeyir Hajibeyov saß selbst im Orchester und spielte die Geige. Überflüssig zu sagen, daß ›Leyli və Məcnun‹ bis heute auf den Spielplänen zahlreicher Opernhäuser der islamischen Welt steht und zu ihrem einhundertsten Jubiläum 2008 sogar von der UNESCO gewürdigt wurde.
(Fortsetzung folgt.)

So, nun aber zu der Aufzeichnung dieser Oper, die im Jahr 2012 bei einer Aufführung in Baku entstand. Ich hoffe, die Neugier geweckt zu haben und wünsche gute Unterhaltung!

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