Schwarzer Januar von Baku — 20.01.1990

Matthias Wolf

Dolmetscher

ZWISCHEN NATIONALER BEFREIUNG UND VOLKSTRAUER- DER β€žSCHWARZE JANUARβ€œ ALS IMMATERIELLER GEDΓ„CHTNISORT IN DER ASERBAIDSCHANISCHEN GESCHICHTE UND SEINE REZEPTION IN DEUTSCHLAND

Das PhΓ€nomen nationaler UnabhΓ€ngigkeits- und Befreiungsbewegungen spielte zu verschiedenen Zeitpunkten in verschiedenen Gegenden der Welt eine wichtige Rolle fΓΌr die Gestaltung internationaler Beziehungen. Zum einen sagen solche Bewegungen und ihr Erfolg etwas ΓΌber die SouverΓ€nitΓ€t, aber auch ΓΌber die globalpolitische Wichtigkeit von Staaten sowie deren identitΓ€res SelbstverstΓ€ndnis aus. Dies galt nicht nur im 18. und 19. Jahrhundert, als es durch bΓΌrgerliche Revolutionen gelang, Monarchien in Verfassungsstaaten oder spΓ€ter in parlamentarische Demokratien zu verwandeln, sondern auch noch dann, als Parlamentarismus und StaatsbΓΌrgertum schon lΓ€ngst weltweit verbreitet waren. So lassen sich beispielsweise auch noch revolutionΓ€re Bewegungen Γ€hnlicher Natur bis in die Neunzigerjahre des 20.Jahrhunderts feststellen, die sowohl medial, als auch gesellschaftspolitisch sehr intensiv wahrgenommen und, so darf man feststellen, fΓΌr die weitere demokratische Entwicklung vieler LΓ€nder zum Vorbild erhoben wurden. Eine dieser Bewegungen ging unter dem Namen β€žschwarzer Januarβ€œ in die Weltchronik ein. Jedoch blieb, gerade in Europa, eine erschΓΆpfende Analyse und historische Bewertung dieses Ereignisses, das ein Jahr vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion stattfand, aus. Die wenigen Quellen, die es in deutscher Sprache dazu gibt, taugen allenfalls dazu, die Ereignisse von damals vom Ablauf und ihren Ursachen her zu rekonstruieren. Über den identitΓ€tsstiftenden Charakter dieses Ereignisses bzw. ΓΌber die Bedeutung Aserbaidschans fΓΌr Europa nach seiner UnabhΓ€ngigkeit im Jahre 1991 ist in diesem Zusammenhang nur wenig bekannt. Der folgende Essay soll speziell der Frage nachgehen, warum gerade in Deutschland nur wenig ΓΌber dieses Ereignis bekannt ist und weshalb, trotz gewisser historischer Parallelen im UnabhΓ€ngigkeitsdenken beider LΓ€nder von Fremdbesatzung, keine genauere Auseinandersetzung mit diesem Thema erfolgt. Dabei werden einige mΓΆgliche BegrΓΌndungen als Hypothesen in den Raum gestellt und anschließend auf ihre PlausibilitΓ€t geprΓΌft werden. Hierbei werden auch aktuelle Tendenzen des politischen Geschehens in Deutschland in die Betrachtung mit einbezogen. Am Ende des Essays steht eine kurze Auswertung der aufgestellten Hypothesen hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit und politischen Relevanz.

Eine erste BegrΓΌndung dafΓΌr, weshalb nur wenig ΓΌber den Schwarzen Januar in Deutschland bekannt geworden ist, kann in der Tatsache liegen, dass sich nach 1990 mit der eigenen Geschichte und, genauer, mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs befasst wurde. Hierbei wurde vor allem die Rolle Russlands, aber auch die Einflussnahme der WestmΓ€chte, also Frankreichs, Englands und der USA untersucht. Dies war fΓΌr Deutschland ein wichtiger Schritt zur nationalen Selbstfindung. Hatte man nΓ€mlich bis 1989 noch in zwei deutschen Teilstaaten (BRD und DDR) zusammen und doch voneinander getrennt gelebt, so galt es nun, nach der β€žWendeβ€œ zu einer gemeinsamen nationalen IdentitΓ€t zurΓΌck zu finden. Die ehemaligen β€žBruderlΓ€nderβ€œ der DDR, also auch die VΓΆlker der Sowjetunion sowie deren nationale Einzelschicksale, interessierten dabei freilich weniger. Es ist nicht ausgeschlossen, dass man sich eher nach Westen orientieren wollte, zumal besonders in den 1980er Jahren, bereits  die Idee eines zusammenwachsenden Europas aufkam. Russland, geschweige denn andere Staaten der ehemaligen UdSSR gehΓΆrten nicht zu dieser Vision. Also blieb eine umfassende Berichterstattung zu diesem Thema entsprechend aus.

Ein weiterer Grund, der bis heute die Berichterstattung zu Aserbaidschan allgemein beeintrΓ€chtigt, ist die Schwierigkeit, dass viele EuropΓ€er Aserbaidschan als Land weder kennen noch einordnen kΓΆnnen. Wenige wissen beispielsweise ΓΌber die banalsten Fakten wirklich Bescheid, sei es die Tatsache, dass Aserbaidschan im Kaukasus liegt, einmal eine Sowjetrepublik war oder gar, dass bereits 1918 Frauen in der ersten (noch islamischen) Republik Wahlrecht genossen. Man kann daher auch ein geschichtliches Detailwissen von vielen deutschen BΓΌrgern nicht erwarten, egal, ob es dabei um den β€žSchwarzen Januarβ€œ oder die deutschen β€žKolonienβ€œ Helenendorf, Annenfeld und Georgsfeld geht. Dass nΓ€mlich die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen wesentlich Γ€lter sind, als man gemeinhin annehmen mag, ist vielen Deutschen ebenfalls nicht bewusst. WΓ€hrend deutsch-russische Beziehungen heute wieder Schritt fΓΌr Schritt aufgearbeitet werden, findet dies eben am Beispiel Aserbaidschans kaum statt, selbst wenn man die aktuell guten diplomatischen Beziehungen mit berΓΌcksichtigt.

Hinzu kommt neben der politischen allerdings noch eine kulturelle Dimension. Denn unterstellt man einmal, dass mancher deutsche Staatsbürger Aserbaidschan vom Namen her kennt und weiß, wo dieses Land sich befindet oder vielleicht sogar einmal vom Bergkarabach-Konflikt gehârt hat, so muss man feststellen, dass die Haltung gegenüber den Turkstaaten generell von Misstrauen geprÀgt sein kann. Der Grund dafür liegt nicht nur in der offensichtlichen rÀumlichen Ferne dieses Landes zur Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in einem scheinbaren kulturellen Gegensatz. Denn Turkvâlker sind oftmals muslimischen Glaubens und genau das macht es vielen Menschen in Europa gerade heute wieder schwierig, sich in die Belange ersterer einzufühlen. Mancher deutsche Bürger denkt unter UmstÀnden, dass es unnâtig sei, für die nationale Freiheit muslimisch geprÀgter LÀnder Interesse zu zeigen. Dies ist aber noch der weniger problematische Fall, weil hiermit ein Gefühl von Gleichgültigkeit einhergeht, nicht aber mit bewusstem kulturellen Rassismus oder Chauvinismus.

Anders stellt sich die Situation jedoch dar, wenn durch Personen des ΓΆffentlichen Lebens bewusst Zwietracht gesΓ€t wird. So Γ€ußerte sich beispielsweise auch die Parteivorsitzende der β€žAlternative fΓΌr Deutschlandβ€œ (AfD) zu den Ereignissen des 20.Januar in der Art, dass sie Partei fΓΌr Russland ergriff, indem sie den Aserbaidschanern unterstellte, sie hΓ€tten eine tΓΌrkisch-islamische autonome Republik grΓΌnden wollen und deshalb speziell christliche Minderheiten vertrieben. Dieser Aussage muss vehement widersprochen werden. Denn es ging nicht um ethnische SΓ€uberungen zu jenem Zeitpunkt, sondern um nationale SouverΓ€nitΓ€t. Ad absurdum wird diese Argumentation noch dadurch gefΓΌhrt, dass zum einen diese letztgenannte Partei fΓΌr die SouverΓ€nitΓ€t der Nationalstaaten Europas wirbt, zum anderen dabei auch die TΓ€terrolle Armeniens (im politischen Sinne) in anderen Konflikten auszublenden scheint. Die Fragen, die man stellen kΓΆnnte, wΓ€ren demnach: β€žSind Armenier automatisch immer Opfer, weil sie Christen sind?β€œ β€žSind Aserbaidschaner durch ihre schiitisch-islamische Leitkultur automatisch immer TΓ€ter?β€œ Und nicht zuletzt: β€žIst einer Partei, die sich weltgewandt und patriotisch geben will, unbekannt, dass Aserbaidschan schon seit Jahrhunderten ein multi-ethnisches und multi-religiΓΆses Land war?β€œ Es lohnt sich die MΓΌhe, ΓΌber Konflikte, deren Ursachen und Folgen grΓΌndlich zu recherchieren, bevor pauschale Urteile gefΓ€llt werden. Doch in gerade solchen FΓ€llen kann es zu einem Ausblenden der eigentlichen Ursachen und Wirkungen kommen, da ja ein geschichtliches Ereignis dazu genutzt wird, Partei fΓΌr diejenigen zu ergreifen, die den Betreffenden scheinbar kulturell nΓ€her stehen. Mag so ein Verhalten menschlich nachvollziehbar sein, so kann es in solch einer Situation nur als politisch inkonsequent angesehen werden, wenn man einen -wie auch immer gearteten- Imperialismus gegenΓΌber Deutschland ablehnt und gleichzeitig eine Fremdherrschaft in anderen LΓ€ndern toleriert. Es sei an dieser Stelle abschließend gesagt, dass auch Halbwahrheiten und parteiisches Denken eine umfassende Berichterstattung verhindern.

Zum Abschluss mΓΆchte ich sowohl das Ergebnis meiner Beobachtungen zu diesem Thema zusammenfassen, als auch ein persΓΆnliches Statement dazu abgeben, was aus meiner Sicht den β€žSchwarzen Januarβ€œ als identitΓ€tsstiftendes Ereignis charakterisiert und auszeichnet. Die in Deutschland und Europa vertretene Geschichtsauffassung einer β€žfreien Weltβ€œ im eurozentristischen Sinne sowie die kulturelle Abgrenzung zu VΓΆlkern jenseits von Bosporus und Ural sind es, die eine detaillierte Auseinandersetzung verhindern. Man konzentriert sich lieber auf β€žsich selbstβ€œ, wobei vielfach ΓΌbersehen wird, dass das Problem von Freiheit und SouverΓ€nitΓ€t universal und fΓΌr JEDES Land anwendbar ist. Aserbaidschan ist fΓΌr viele EuropΓ€er β€žnicht mehr Europaβ€œ, fΓΌhlt sich aber doch selbst als ein β€žBrΓΌckenlandβ€œ zwischen europΓ€ischer und orientalischer Kultur. Wollen wir also die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen stΓ€rken, so muss dieses Bewusstsein von ZugehΓΆrigkeit und SolidaritΓ€t betont werden. Ich selbst kann auch als Nicht-Aserbaidschaner mein MitgefΓΌhl nicht unausgesprochen lassen und zwar aus dem Grunde, dass fΓΌr die Freiheit des eigenen Landes zu kΓ€mpfen ein ehrenvoller Akt ist und gleichzeitig jeder Tote in diesem Konflikt unnΓΆtig war. Konflikte zum Thema UnabhΓ€ngigkeit und Selbstbestimmung sollten, wie im Falle der Krim, durch ein Referendum oder durch parlamentarische Mittel entschieden werden, niemals aber durch Gewalt. Denn wenn letztere zum Einsatz kommt, zeigt dies genau zwei Dinge: Die SchwΓ€che der Okkupanten und wie sehr die Okkupierten im Recht mit ihren Protesten sind.

Potsdam, 24.01.2017      

TragΓΆdie von Chodschali

Den 26. und 27. Februar, etwa eineinhalb Tage lang, verbrachte der iranische Außenminister Ali Akbar Velayati mit einer Friedensmission in Gandscha. Er konnte allerdings nicht nach Chankendi fliegen: trotz der am Vorabend erreichten Vereinbarung über die Üaffenruhe wurde die Flugsicherheit für ihn von der armenischen Seite nicht gewÀhrleistet. Dieses vereinbarte Moratorium bedeutete, wie wir sehen werden, das Ende der Existenz von Chodschali.

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