
Matthias Wolf
Dolmetscher
ZWISCHEN NATIONALER BEFREIUNG UND VOLKSTRAUER- DER βSCHWARZE JANUARβ ALS IMMATERIELLER GEDΓCHTNISORT IN DER ASERBAIDSCHANISCHEN GESCHICHTE UND SEINE REZEPTION IN DEUTSCHLAND
Matthias Wolf
Das PhΓ€nomen
nationaler UnabhΓ€ngigkeits- und Befreiungsbewegungen spielte zu verschiedenen
Zeitpunkten in verschiedenen Gegenden der Welt eine wichtige Rolle fΓΌr die
Gestaltung internationaler Beziehungen. Zum einen sagen solche Bewegungen und
ihr Erfolg etwas ΓΌber die SouverΓ€nitΓ€t, aber auch ΓΌber die globalpolitische
Wichtigkeit von Staaten sowie deren identitΓ€res SelbstverstΓ€ndnis aus. Dies
galt nicht nur im 18. und 19. Jahrhundert, als es durch bΓΌrgerliche
Revolutionen gelang, Monarchien in Verfassungsstaaten oder spΓ€ter in
parlamentarische Demokratien zu verwandeln, sondern auch noch dann, als
Parlamentarismus und StaatsbΓΌrgertum schon lΓ€ngst weltweit verbreitet waren. So
lassen sich beispielsweise auch noch revolutionΓ€re Bewegungen Γ€hnlicher Natur
bis in die Neunzigerjahre des 20.Jahrhunderts feststellen, die sowohl medial,
als auch gesellschaftspolitisch sehr intensiv wahrgenommen und, so darf man
feststellen, fΓΌr die weitere demokratische Entwicklung vieler LΓ€nder zum
Vorbild erhoben wurden. Eine dieser Bewegungen ging unter dem Namen βschwarzer
Januarβ in die Weltchronik ein. Jedoch blieb, gerade in Europa, eine
erschΓΆpfende Analyse und historische Bewertung dieses Ereignisses, das ein Jahr
vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion stattfand, aus. Die wenigen Quellen, die
es in deutscher Sprache dazu gibt, taugen allenfalls dazu, die Ereignisse von
damals vom Ablauf und ihren Ursachen her zu rekonstruieren. Γber den
identitΓ€tsstiftenden Charakter dieses Ereignisses bzw. ΓΌber die Bedeutung Aserbaidschans
fΓΌr Europa nach seiner UnabhΓ€ngigkeit im Jahre 1991 ist in diesem Zusammenhang
nur wenig bekannt. Der folgende Essay soll speziell der Frage nachgehen, warum
gerade in Deutschland nur wenig ΓΌber dieses Ereignis bekannt ist und weshalb,
trotz gewisser historischer Parallelen im UnabhΓ€ngigkeitsdenken beider LΓ€nder
von Fremdbesatzung, keine genauere Auseinandersetzung mit diesem Thema erfolgt.
Dabei werden einige mΓΆgliche BegrΓΌndungen als Hypothesen in den Raum gestellt
und anschlieΓend auf ihre PlausibilitΓ€t geprΓΌft werden. Hierbei werden auch
aktuelle Tendenzen des politischen Geschehens in Deutschland in die Betrachtung
mit einbezogen. Am Ende des Essays steht eine kurze Auswertung der
aufgestellten Hypothesen hinsichtlich ihrer Wahrscheinlichkeit und politischen
Relevanz.
Eine erste BegrΓΌndung dafΓΌr, weshalb nur wenig ΓΌber den Schwarzen Januar
in Deutschland bekannt geworden ist, kann in der Tatsache liegen, dass sich
nach 1990 mit der eigenen Geschichte und, genauer, mit den Ereignissen des Zweiten
Weltkriegs befasst wurde. Hierbei wurde vor allem die Rolle Russlands, aber
auch die Einflussnahme der WestmΓ€chte, also Frankreichs, Englands und der USA
untersucht. Dies war fΓΌr Deutschland ein wichtiger Schritt zur nationalen
Selbstfindung. Hatte man nΓ€mlich bis 1989 noch in zwei deutschen Teilstaaten
(BRD und DDR) zusammen und doch voneinander getrennt gelebt, so galt es nun,
nach der βWendeβ zu einer gemeinsamen nationalen IdentitΓ€t zurΓΌck zu finden.
Die ehemaligen βBruderlΓ€nderβ der DDR, also auch die VΓΆlker der Sowjetunion
sowie deren nationale Einzelschicksale, interessierten dabei freilich weniger.
Es ist nicht ausgeschlossen, dass man sich eher nach Westen orientieren wollte,
zumal besonders in den 1980er Jahren, bereits die Idee eines zusammenwachsenden
Europas aufkam. Russland, geschweige denn andere Staaten der ehemaligen UdSSR
gehΓΆrten nicht zu dieser Vision. Also blieb eine umfassende Berichterstattung
zu diesem Thema entsprechend aus.
Ein weiterer Grund, der bis heute die Berichterstattung zu Aserbaidschan
allgemein beeintrΓ€chtigt, ist die Schwierigkeit, dass viele EuropΓ€er
Aserbaidschan als Land weder kennen noch einordnen kΓΆnnen. Wenige wissen
beispielsweise ΓΌber die banalsten Fakten wirklich Bescheid, sei es die
Tatsache, dass Aserbaidschan im Kaukasus liegt, einmal eine Sowjetrepublik war
oder gar, dass bereits 1918 Frauen in der ersten (noch islamischen) Republik
Wahlrecht genossen. Man kann daher auch ein geschichtliches Detailwissen von
vielen deutschen BΓΌrgern nicht erwarten, egal, ob es dabei um den βSchwarzen
Januarβ oder die deutschen βKolonienβ Helenendorf, Annenfeld und Georgsfeld
geht. Dass nΓ€mlich die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen wesentlich Γ€lter
sind, als man gemeinhin annehmen mag, ist vielen Deutschen ebenfalls nicht
bewusst. WΓ€hrend deutsch-russische Beziehungen heute wieder Schritt fΓΌr Schritt
aufgearbeitet werden, findet dies eben am Beispiel Aserbaidschans kaum statt,
selbst wenn man die aktuell guten diplomatischen Beziehungen mit
berΓΌcksichtigt.
Hinzu kommt neben der politischen allerdings noch eine kulturelle
Dimension. Denn unterstellt man einmal, dass mancher deutsche StaatsbΓΌrger
Aserbaidschan vom Namen her kennt und weiΓ, wo dieses Land sich befindet oder
vielleicht sogar einmal vom Bergkarabach-Konflikt gehΓΆrt hat, so muss man
feststellen, dass die Haltung gegenΓΌber den Turkstaaten generell von Misstrauen
geprΓ€gt sein kann. Der Grund dafΓΌr liegt nicht nur in der offensichtlichen
rΓ€umlichen Ferne dieses Landes zur Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in
einem scheinbaren kulturellen Gegensatz. Denn TurkvΓΆlker sind oftmals
muslimischen Glaubens und genau das macht es vielen Menschen in Europa gerade
heute wieder schwierig, sich in die Belange ersterer einzufΓΌhlen. Mancher
deutsche BΓΌrger denkt unter UmstΓ€nden, dass es unnΓΆtig sei, fΓΌr die nationale
Freiheit muslimisch geprΓ€gter LΓ€nder Interesse zu zeigen. Dies ist aber noch
der weniger problematische Fall, weil hiermit ein GefΓΌhl von GleichgΓΌltigkeit
einhergeht, nicht aber mit bewusstem kulturellen Rassismus oder Chauvinismus.
Anders stellt sich die Situation jedoch dar, wenn durch Personen des
ΓΆffentlichen Lebens bewusst Zwietracht gesΓ€t wird. So Γ€uΓerte sich
beispielsweise auch die Parteivorsitzende der βAlternative fΓΌr Deutschlandβ
(AfD) zu den Ereignissen des 20.Januar in der Art, dass sie Partei fΓΌr Russland
ergriff, indem sie den Aserbaidschanern unterstellte, sie hΓ€tten eine
tΓΌrkisch-islamische autonome Republik grΓΌnden wollen und deshalb speziell
christliche Minderheiten vertrieben. Dieser Aussage muss vehement widersprochen
werden. Denn es ging nicht um ethnische SΓ€uberungen zu jenem Zeitpunkt, sondern
um nationale SouverΓ€nitΓ€t. Ad absurdum wird diese Argumentation noch dadurch
gefΓΌhrt, dass zum einen diese letztgenannte Partei fΓΌr die SouverΓ€nitΓ€t der
Nationalstaaten Europas wirbt, zum anderen dabei auch die TΓ€terrolle Armeniens
(im politischen Sinne) in anderen Konflikten auszublenden scheint. Die Fragen,
die man stellen kΓΆnnte, wΓ€ren demnach: βSind Armenier automatisch immer Opfer,
weil sie Christen sind?β βSind Aserbaidschaner durch ihre schiitisch-islamische
Leitkultur automatisch immer TΓ€ter?β Und nicht zuletzt: βIst einer Partei, die
sich weltgewandt und patriotisch geben will, unbekannt, dass Aserbaidschan
schon seit Jahrhunderten ein multi-ethnisches und multi-religiΓΆses Land war?β
Es lohnt sich die MΓΌhe, ΓΌber Konflikte, deren Ursachen und Folgen grΓΌndlich zu
recherchieren, bevor pauschale Urteile gefΓ€llt werden. Doch in gerade solchen
FΓ€llen kann es zu einem Ausblenden der eigentlichen Ursachen und Wirkungen
kommen, da ja ein geschichtliches Ereignis dazu genutzt wird, Partei fΓΌr
diejenigen zu ergreifen, die den Betreffenden scheinbar kulturell nΓ€her stehen.
Mag so ein Verhalten menschlich nachvollziehbar sein, so kann es in solch einer
Situation nur als politisch inkonsequent angesehen werden, wenn man einen -wie
auch immer gearteten- Imperialismus gegenΓΌber Deutschland ablehnt und
gleichzeitig eine Fremdherrschaft in anderen LΓ€ndern toleriert. Es sei an
dieser Stelle abschlieΓend gesagt, dass auch Halbwahrheiten und parteiisches
Denken eine umfassende Berichterstattung verhindern.
Zum Abschluss mΓΆchte ich sowohl das Ergebnis meiner Beobachtungen zu
diesem Thema zusammenfassen, als auch ein persΓΆnliches Statement dazu abgeben,
was aus meiner Sicht den βSchwarzen Januarβ als identitΓ€tsstiftendes Ereignis
charakterisiert und auszeichnet. Die in Deutschland und Europa vertretene
Geschichtsauffassung einer βfreien Weltβ im eurozentristischen Sinne sowie die
kulturelle Abgrenzung zu VΓΆlkern jenseits von Bosporus und Ural sind es, die
eine detaillierte Auseinandersetzung verhindern. Man konzentriert sich lieber
auf βsich selbstβ, wobei vielfach ΓΌbersehen wird, dass das Problem von Freiheit
und SouverΓ€nitΓ€t universal und fΓΌr JEDES Land anwendbar ist. Aserbaidschan ist
fΓΌr viele EuropΓ€er βnicht mehr Europaβ, fΓΌhlt sich aber doch selbst als ein
βBrΓΌckenlandβ zwischen europΓ€ischer und orientalischer Kultur. Wollen wir also
die deutsch-aserbaidschanischen Beziehungen stΓ€rken, so muss dieses Bewusstsein
von ZugehΓΆrigkeit und SolidaritΓ€t betont werden. Ich selbst kann auch als
Nicht-Aserbaidschaner mein MitgefΓΌhl nicht unausgesprochen lassen und zwar aus
dem Grunde, dass fΓΌr die Freiheit des eigenen Landes zu kΓ€mpfen ein ehrenvoller
Akt ist und gleichzeitig jeder Tote in diesem Konflikt unnΓΆtig war. Konflikte
zum Thema UnabhΓ€ngigkeit und Selbstbestimmung sollten, wie im Falle der Krim,
durch ein Referendum oder durch parlamentarische Mittel entschieden werden,
niemals aber durch Gewalt. Denn wenn letztere zum Einsatz kommt, zeigt dies
genau zwei Dinge: Die SchwΓ€che der Okkupanten und wie sehr die Okkupierten im
Recht mit ihren Protesten sind.
Potsdam, 24.01.2017
TragΓΆdie von Chodschali
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