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Schuscha – das Zentrum der Schmuckkunst

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Arif Mustafajew

Doktor der Geschichtswissenschaften, Professor

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Irs-az.com

No 14, 2017 

Die Welt der Kunst Karabachs, wie auch das Leben dessen sesshafter und halbnomadischer Bevölkerung, hat sich als ein Teil der allgemeinen aserbaidschanischen Kultur auf gleicher ethnokultureller Basis historisch geformt und entwickelt. Dies wird durch das typische traditionelle Handwerk bestätigt, das auf der Basis des albanisch-aserbaidschanischen ethno-kulturellen Umfelds entstanden ist, aber auch durch die dazu gehörenden Werkzeuge und Produktionsprozesse, die angefertigten Produkte mit der aserbaidschanischen und im Mittelalter von Aserbaidschanern übernommenen arabisch-persischen Terminologie.

Als eines der typischen Merkmale der handwerklichen Fertigung in Karabach ist auf die erfolgreiche Entwicklung und weitreichende Verbreitung lokalen Handwerks und von Handwerksbetrieben hinzuweisen, die mit dem halbnomadischen Leben verbunden waren. Dies sind Wollweberei (Herstellung vom Tuch), Teppichweberei und Seidenraupenzucht, Seidenweberei, Bearbeitung von Leder, Herstellung von Kopf-Schals, Filz, Schuhen, Schaffellmänteln und Mützen, Sattlerwaren und Schmiedeprodukten, Hufeisen etc.

Die Karabach-Region zeichnet sich vor anderen historischen Regionen Aserbaidschans aus durch ihre faszinierende Natur und ihren natürlichen Reichtum. Sie war eines der hoch-entwickelten Handwerkszentren Aserbaidschans, in der die Kunst der Handwerker ein hohes Niveau erreicht hatte.

Die Region Karabach ist eines der ältesten Siedlungsgebiete des Planeten, was durch die epochale Entdeckung des Ortes des Urmenschen – des Neandertalers – in der Höhle Azykh bestätigt wurde. So gehört das aserbaidschanische Land zu jenen Gebieten der Erde, wo die einzigartigsten Denkmäler der Menschheit erhalten sind.

Gleichzeitig ist Azykh ein Beweis für die ständige Besiedlung des Landes, einschließlich Karabachs, durch den Urmenschen, sowie die Bestätigung des dauerhaften kulturellen Fortschritts und der sozialen Entwicklung vieler Generationen seiner Bewohner.

Wichtig für die weiteren evolutionären Prozesse war eine Vielzahl natürlicher Ressourcen, darunter reiche Lagerstätten von Metall. Der albanische Historiker des

8. Jh. Moisej Kalankatujski, listet in seinem berühmten Werk „Die Geschichte des Albania“, den natürlichen Reichtum auf, den die Karabach-Region hatte, er nennt unter anderen Bodenschätzen auch Gold, Silber und Ocker (1).

Auf solch einer reichen natürlichen Basis entstanden und entwickelten sich in Karabach verschiedene Arten des Handwerks, einschließlich der Goldschmiedekunst. Eines der bedeutendsten und weithin bekannten Zentren der Goldschmiedekunst Aserbaidschans war die Stadt Schuscha, deren Ruhm nicht nur im Kaukasus bekannt war, sondern auch weit über seine Grenzen hinaus.

Die Blütezeit des Goldschmiede-Geschäfts in Schuscha steht in direktem Zusammenhang mit den Bedürfnissen der aserbaidschanischen aristokratischen Schichten einer Gesellschaft in reichen und eleganten Nationaltrachten und verschiedenen Ornamenten. Aristokratische Familien der Stadt waren die wichtigsten Kunden und Konsumenten von teuren Schmuckstücken, von goldenen und silbernen Erzeugnissen, die von lokalen Juwelieren aus Schuscha angefertigt wurden. Von reichen aserbaidschanischen Familien aus Kara-bach, die einen luxuriösen Lebensstil führten, wurden verschiedene Dekorationen, Gold- und Silberprodukte und Edelsteine verlangt.

Es sollte beachtet werden, dass der Schmuck die Aufmerksamkeit nicht nur der reichen Schichten der Bevölkerung auf sich zog. In der Vergangenheit gab es verschiedene Dekorationen für die Nationaltracht der Aserbaidschaner im Allgemeinen. Der herausragende aserbaidschanische Ethnograph Räschid Bäy Äfändijew sagte bildhaft, dass die Nationaltracht der Aserbaidschaner traditionell dafür geeignet sei, sie mit verschiedenen Golderzeugnissen, mit Perlen und Korallen zu verzieren. Für die europäische Kleidung, zum Beispiel, verwendete man keine zusätzliche Dekoration, außer dem Taillengürtel (2).

Im Gegensatz zu Europa konnte sich die Mentalität der Aserbaidschaner jener Zeit keine Frauen ohne Schmuck vorstellen. Nach den traditionellen Vorstellungen der Vergangenheit konnte ein Mädchen ohne Schmuck nicht verheiratet sein oder zum Haus des Bräutigams geführt werden. Es wird darauf hingewiesen, dass diese Sitte eine ethische Norm in der Karabach-Region war und streng beachtet wurde. All diese
Faktoren begünstigten die Entstehung eines so bekannten und äußerst wichtigen regionalen Zentrums für das Goldenschmiede-Geschäft wie es Schuscha für
das ganze Karabach darstellte. Im Gegensatz zu den anderen Zentren des Schmuck-Geschäfts, war in dieser Stadt neben der Herstellung von Gold-Produkten, ein unabhängiger Zweig der Schmuck-Produktion aus Silber (Silberschmiede) und Edelsteinen (Edelschmiede) weit entwickelt. Deshalb wurden in der Vergangenheit in Schuscha, zusammen mit zahlreichen Goldschmieden, die Handwerker, die
Silber und Edelsteine bearbeiteten, bekannt. In einer zuverlässigen Quelle aus den dreißiger Jahren des 19. Jh. steht, dass zu jener Zeit in Schuscha schon zwölf Silberschmiede tätig waren (3). Siebzig Jahre später wurde bemerkt, dass es 20 Schmuckgeschäfte in Schuschagäbe, in denen viele Handwerker arbeiteten (4).

Nach Worten eines der jüngsten Vertreter der traditionellen Schmuckkunst aus Schuscha, des Meisters Dschahangir Älijew, erinnert man sich immer noch an
eine Gruppe von herausragenden aserbaidschanischen Juwelieren, die in Schuscha im späten 19. bis ins frühe 20. Jh., einschließlich der Goldschmiede, gearbeitet haben. Viele Juweliere waren mit ihren Namen bekannt.

Insgesamt war der Ruf der Juweliere von Schuscha so groß, dass den örtlichen Meistern Bewohner aus ganz Aserbaidschan die Aufträge gaben. Eine Rolle spielte hier auch die Tatsache, dass die Hauptstadt Karabachs als eines der bedeutendsten Handels- und Handwerkszentren auf den lokalen und internationalen Karawanenrouten galt. Deshalb war Schuscha bis zum Beginn des 20 Jh. ein wichtiger Schwerpunkt der Juwelierkunst.
Eines der lokalen Eigenschaften des Schmuckgeschäftes von Schuscha war die charakteristische und traditionelle Produktion von vergoldeten Einzelteilen.
So waren die meisten Schmuckstücke poliert. Eine weitere lokale Besonderheit von Schuscha als Schmuck-Zentrum war hier die begrenzte Produktion von billigen
Silberwaren. Deshalb wurde von den Schuscha-Meistern die allgemein verbreitete Technik im Schmuckgeschäft wenig genutzt. Aus diesem Grund wurden die
fertigen Produkte nicht durch die Berufbezeichnung des Handwerkers, – wie „Juwelier“ oder „Silberschmied“ graviert, sondern mit den Worten: «Meister der Vergoldung», «Enameler» etc.
In den Werken des großen aserbaidschanischen Dichters des 18. Jh. Wagif, der als Großwesir des Karabach-Khanats diente, wurde der Damenschmuck, der in Schuscha gefertigt wurde, immer wieder gelobt.  Die Gold- und Silberprodukte, darunter verschiedene Ohrringe und Ringe, Halsketten und Schnallen, Knöpfe
und Verzierungen, Haarnadeln, Haken und Ösen sowie Armbänder, waren tatsächlich im ganzen Karabach sehr beliebt und es gab eine hohe Nachfrage aufgrund ihrer Würde und Schönheit.
Die Juweliere von Schuscha und ihre Produkte waren integraler organischer Teil der gemeinsamen aserbaidschanischen Kunsttradition. Sie sind das unerschöpfliche Erbe des Landes, das sich durch die lokalen Eigenschaften und Besonderheiten auszeichnet.

Basierend auf den besten Traditionen der aserbaidschanischen Schmuckkunst, entwickelten die Handwerker von Schuscha diese weiter und leisteten einen unschätzbaren Beitrag dazu und schufen hochkünstlerische Meisterwerke, die bis heutet als Vorlagen für die Nachahmung dienen. Ein prominenter Spezialist für
Schmuckkunst, V. K. Zglenitsky, der Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. in der Prüfkammer in Aserbaidschan arbeitete, schrieb: “Diese halbgebildeten Juweliere, die dennoch die Geheimnisse ihres Berufs voll beherrschen, übertrafen ihre europäischen Kollegen deutlich. Die von ihnen hergestellten Schmuckstücke faszinieren die Menschen mit ihrer ornamentalen Kunst, geschmackvoller Dekoration und Feinheit. Diese Meister verfügen nicht über die verschiedenen Werkzeuge und Vorrichtungen, die in Europa für die Massenproduktion von
monotonen Schmucksachen verwendet werden. Ihr Schmuck ist das Ergebnis der Arbeit, die Geduld erfordert“ (4). Von solch hoher Wertschätzung der unnachahmlichen Kunst und der Geschicklichkeit der aserbaidschanischen, besonders der Handwerker aus Schuscha, ist viel erhalten geblieben, so auch unzählige Mengen der von ihnen geschaffenen Schmuck-Meisterwerke, die
bis jetzt sowohl im Alltag als auch in Sammlungen verschiedener Museen erhalten sind.

Literatur
1. Моисей Каланкатуйский. История Агван, кн. I, гл.
IV.
2. Эфендиев, Рашид бек. Архив Института рукописей
НАН Азербайджана, Q 2-2 (19), инв. №160, л. 62.
3. Обозрение российских владений за Кавказом,
том IV. Санкт-Петербург, 1836.
4. Труды I съезда деятелей по кустарной
промышленности Кавказа. Тифлис, 1902.

 

Das traditionelle Kollier. 19. Jh. Das nationale Museum der Geschichte Aserbaidschans
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