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Michael Reinhard Heß – Auf in den Religionskrieg mit n-tv!

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Dr. Michael Reinhard Heß

Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417).

Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.

Der Journalist Wolfram Weimer hat im Nachrichtenportal n-tv.de seine Sicht auf Berg-Karabach dargelegt. Auch wenn es ermüdend ist, immer gegen dieselben Stereotype anzukämpfen, ist es vielleicht doch sinnvoll, auf einige Details des Textes die Lupe zu halten.
Weimers Stellungnahme lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: „Für die Türkei und Aserbaidschan handelt es sich bei der Eroberung von Berg-Karabach um einen islamischen Befreiungskampf gegen das christliche Armenien.“
Bereits in diesem einen Satz sind vier wahrheitswidrige Aussagen enthalten. Erstens wird von einer „Eroberung“ Berg-Karabachs durch Aserbaidschan und die Türkei gesprochen, ungeachtet der Tatsache, dass Berg-Karabach völkerrechtlich ein Teil Aserbaidschans ist, was unter anderem durch die bekannten UN-Sicherheitsrats-Resolutionen aus dem Jahr 1993 bestätigt worden ist. Zweitens soll es sich bei der von Wolfram Weimer beschriebenen „Eroberung“ nach seinen eigenen Worten zugleich um einen „islamischen Befreiungskampf“ handeln. Das kann aber nicht sein. Denn „erobern“ bedeutet, sich etwas mit Gewalt aneignen, was einem vorher nicht gehört hat, „sich befreien“ hingegen, dass man sich von etwas befreit, das in seinen eigenen Bereich eingedrungen ist. Tatsächlich hat Weimer durch die (im Übrigen zutreffende) Bezeichnung des aserbaidschanischen Kampfs als „Befreiungskampf“ ja, wohl ungewollt, seine eigene unüberlegte „Eroberungs“-These desavouiert. Schon hier wird die Oberflächlichkeit und Selbstwidersprüchlichkeit von Weimer deutlich, der ein und dasselbe Geschehen in einem Satz zweimal auf sich widersprechende Weisen wiedergibt. Drittens hat Aserbaidschan den Krieg um die Wiedererlangung der Souveränität über sein eigenes Staatsgebiet niemals als „islamischen“ Kampf ausgegeben. Aserbaidschan ist ein Land mit einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit, in dem aber auch Angehörige anderer Religionen, darunter christliche Armenier und Juden, leben. Der Kampf um Berg-Karabach ist von aserbaidschanischer Seite weder mit den Religionen seiner eigenen Bevölkerung noch mit der der Armenier Berg-Karabachs oder Armeniens begründet worden. Viertens fantasiert Weimer einen „Befreiungskampf gegen das christliche Armenien“ herbei. Aserbaidschan hat aber nicht Armenien angegriffen, sondern Separatisten auf seinem eigenen Staatsgebiet. Vier Mal Fakenews in einem einzigen Satz – das ist immerhin rekordverdächtig.
Damit seine ganz unter dem Blickwinkel eines Religionskrieges stehende Sichtweise plausibel wird, zitiert Weimar den türkischen Staatspräsidenten Erdoğan, der den Religionskrieg ausgerufen habe und verlange, dass man „die Region ,von den Ungläubigen befreienʻ müsse. Mag sein, dass Herr Erdoğan so etwas gesagt hat, aber bei allem Respekt für die Macht der Türkei und Herrn Erdoğans liegt das Oberkommando der aserbaidschanischen Armee und die politische Entscheidungsbefugnis über den Fortgang der militärischen und politischen Handlungen trotz allem immer noch in Baku und nicht in Ankara.
In seiner vom Wunsch, einen christlich-islamischen Religionskrieg herbeizureden, bestimmten Positionierung kommen die Armenier natürlich nur als arme, bedrängte Opfer, aber nicht als Täter vor. „Das winzige Armenien hatte gegen die militärische Übermacht keine Chance, auch weil die Aserbaidschaner mit modernsten Drohnenwaffen ausgestattet waren und brutal vorgingen.“ Das mag so stimmen. Nachdem die sogenannte internationale Gemeinschaft an die 30 Jahre lang auf peinliche Weise dabei versagt hat, Aserbaidschan zu seinem Recht zu verhelfen, hat dieses am Ende die Gelegenheit ergriffen, auf die einzige sonstige Weise seine legitimen Ansprüche durchzusetzen, und das war augenscheinlich der Krieg. Aber im Sinne der historischen Ausgewogenheit müsste man statt einer so einseitigen Stellungnahme zugunsten einer der Kriegsparteien wie durch Wolfram Weimer auch die entsprechenden Handlungen der anderen Seite würdigen, zumal es sich bei dieser um den Aggressor handelt. Das ach so „winzige Armenien“ hatte ja Anfang der 1990er Jahre seinerseits seine damals vorhandene militärische Überlegenheit gegenüber dem mit zahlreichen schwerwiegenden innen- und außenpolitischen Krisen geschlagenen Aserbaidschan skrupellos ausgenutzt, um etwa 20% von dessen Territorium zu erobern, dabei ungefähr eine Million Aserbaidschaner unter unwürdigen, grausamen und unmenschlichen Umständen aus ihrer Heimat zu vertreiben und en passant noch unsägliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit wie das Massaker von Xocalı zu begehen, dem 1992 613 aserbaidschanische Zivilisten zum Opfer fielen. Wie das mit der angeblich so ruhmreichen christlichen Vergangenheit der Armenier zu tun haben soll, bleibt das Geheimnis von Herrn Weimer. Was ist daran christlich?
Wie absurd und in ihrer Ahistorizität nachgerade fundamentalistisch die religionsfetischistische Sichtweise von Weimer ist, zeigt sich auch in der unhinterfragten Benutzung des in der pro-armenischen Propaganda zum apologetischen Standardrepertoire gehörenden Hinweises auf die frühe Christianisierung der Armenier im 4. Jahrhundert. Was sagt das bitteschön im Hinblick auf den heutigen Konflikt aus? Wird Xocalı zu einem Akt christlicher Nächstenliebe, weil die mutmaßlichen Ahnen der Massenmörder vor beinahe 1700 Jahren Christen wurden? Wie albern der kontextlose Rückgriff auf eine so weit zurückliegende historische Epoche – unter kompletter Ausblendung von allem, was zwischen 301 und dem 20. Jahrhundert sonst noch geschah – ist, zeigt sich schon daran, dass die von Weimer zu Vorkämpfern des Christentums stilisierten Armenier in ihrer Geschichte selbst immer wieder auch gegen andere Christen Krieg führten. Erinnert sei beispielsweise an die zahlreichen Kämpfe zwischen christlichen Armeniern, christlichen Aramäern und christlichen Byzantinern im Anatolien des 11. Jahrhunderts kurz vor der seldschukischen Eroberung. Solche Nuancierungen kommen in der vulgärhistorischen Perspektive des Journalisten natürlich nicht vor, denn dort dürfen ja aus ,höherenʻ Gründen die christlichen Armenier nur als Opfer erscheinen.
Gemäß der uralten Propagandistenregel, immer etwas Wahrheit unter die Lüge zu mischen, drapiert der n-tv-Journalist seine Ausführungen um eine Diskussion über ein Gräuelvideo herum, dass die Hinrichtung zweier Armenier in Hadrut in der ersten Oktoberhälfte durch aserbaidschanische Kräfte zeigen soll. Es soll keinen Zweifel geben: Wenn man der aserbaidschanischen Seite Kriegsverbrechen nachweisen kann, müssen diese genauso konsequent verfolgt und bestraft werden, wie von armenischer Seite begangene auch (ich erinnere an den Beschuss der außerhalb der Kriegszogene gelegenen aserbaidschanischen Städte Gәncә und Bәrdә durch armenische Raketen, denen zahlreichen Zivilisten zum Opfer fielen). Punkt. Aber es ist unangemessen, unverantwortlich und angesichts der mutmaßlichen Kriegsverbrechen, in denen es in dem Video gehen soll, auch unwürdig, legitime Nachforschungen über diese Taten zum Instrument billigster religiöser Propaganda zu machen, so wie es Wolfram Weimer tut.

Prof. Dr. Wilfried Fuhrmann - Aserbaidschans Kampf ums Völkerrecht
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