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Karabach liegt in Aserbaidschan – PD Dr. Michael Reinhard Heß

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PD Dr. Michael Reinhard Heß

PD Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Heß hat im akademiaschen Fachgebiet Turkologie promoviert und ist seit 2012 Dozent für dasselbe Fach an der Freien Universität Berlin. Er habilitierte sich an der Freien Universität Berlin mit einer fundamentalen Forschung über das Leben und Werke des aserbaidschanischen Dichters Imamedin Näsimi (1370–1417). Michael Heß ist Autor vom Buch “Panzer im Paradies“, in dem er auf den Berg-Karabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan eingeht.

Der untenstehende Text wurde am 17. Oktober fertiggestellt – bezieht sich also auf den Stand der Dinge zu diesem Zeitpunkt. Entstanden ist er auf Anregung des Chefredakteurs der „Berliner Zeitung“. Dieser hatte mir am 16. Oktober angeboten, einen Gastbeitrag für das Blatt zu verfassen.

Vorausgegangen war mein Leserbrief vom selben Tag, in dem ich mich kritisch mit einem Kommentar zum Berg-Karabach-Konflikt des Chefredakteurs auseinandersetzte, in dem unter anderem von einem „Angriffskrieg“ Aserbaidschans in Nagorno-Karabach die Rede war und Parallelen zwischen Aserbaidschans Führung und Adolf Hitler gezogen wurden (den Leserbrief habe ich bereits auf dieser Facebook-Seite veröffentlicht).

Nachdem ich den Beitrag eingereicht hatte, hieß es aus der Zeitung zunächst, man wolle ihn am 22. oder 23. Oktober veröffentlichen. Dann wurde als vorgezogenes Veröffentlichungsdatum der 20. Oktober genannt. Es wurden noch Textlänge und sprachliche Fragen (wie etwa die Ersetzung des aserbaidschanischen Buchstaben „ә“ durch ein anderes Symbol) mit der Redaktion geklärt. Doch alle Termine sind verstrichen, ohne dass es weitere Nachrichten von der Zeitung gab, weder in einem positiven noch negativen Sinn.
Davon ausgehend, dass seitens der „Berliner Zeitung“ kein Interesse (mehr?) an dem Artikel besteht, gebe ich ihn hier wieder, auch, weil ich der Meinung bin, dass es notwendig ist, ihn jetzt zu veröffentlichen und nicht irgendwann oder nie.

Die Illustration zeigt das Cover meines letzten, im August erschienenen Buchs über die Geschichte von Karabach.

Hier der Wortlaut des Artikels:

Karabach liegt in Aserbaidschan

Ende September kam es zu den heftigsten Kampfhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan seit 1994. Aus dem deutschen Blätterwald hallt es, Aserbaidschan betreibe einen „Angriffskrieg“, gar, der 1915 begonnene Völkermord an den christlichen Armeniern werde fortgesetzt. Zeit zum Nachhaken.
Seit 1988 starben im Krieg zwischen beiden Staaten weit über 30.000 Menschen. Aus Berg-Karabach und den anderen von Armeniern eroberten und besetzten Teilen Aserbaidschans, zusammen etwa ein Fünftel von dessen Staatsgebiet, wurden nach konservativen Schätzungen mehr als 750.000 Aserbaidschaner vertrieben und zu Binnenflüchtlingen gemacht. Noch 1989 lebten in Berg-Karabach mehr als 40.000 Aserbaidschaner, etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung. Heute gibt es dort wohl nur noch Armenier.

Das Wort Berg-Karabach bezeichnet den höher gelegenen Teil einer Region Aserbaidschans, die ungefähr ab dem 13. Jahrhundert als „Karabach“ bekannt ist. Kultureller Höhepunkt war das muslimische Khanat Karabach (1747 bis 1822). Auf dessen Gebiet lebten neben Aserbaidschanern und anderen Ethnien auch Armenier. 1823, ein Jahr nach der Auflösung des Khanats durch Russland, bildeten diese gut 20 Prozent der Bevölkerung. Einen armenischen Staat gab es in Karabach nie.

Vom Ende des 18. Jahrhunderts an eroberten die Russen große Teile des Südkaukasus. Der Vertrag von Türkmәnçay (Februar 1828) bestätigte ihre Eroberungen und legte die Grenze zu Persien fest. Durch das Türkmәnçay-Abkommen und den Vertrag von Edirne zwischen Russland und dem Osmanischen Reich (1829) erhielt Russland auch das Recht, Armenier aus Iran und dem Osmanischen Reich im Südkaukasus anzusiedeln. Dadurch stieg der armenische Bevölkerungsanteil in den von Russland eroberten südkaukasischen Gebieten, darunter dem späteren Berg-Karabach, stetig an.
Es dauerte noch ungefähr neunzig Jahre, bis sich „Berg-Karabach“ als politisch-administrativer Begriff etablierte. Der britische Generalleutnant William Montgomery Thomson (1878-1963) sprach wohl als einer der ersten 1918 in diesem Sinne von „Mountainous Karabakh“.

Die Zeit von 1917 bis Jahr 1923 kann als Schlüsselperiode im Berg-Karabach-Konflikt bezeichnet werden, auch wenn dieser schon weitaus älter war.

Die Geschehnisse der Jahre 1917 bis 1923 waren chaotisch und dramatisch. Auf die Oktoberrevolution folgte das Ausscheiden Russlands aus dem Ersten Weltkrieg und der russische Bürgerkrieg. Aserbaidschaner und Armenier riefen am selben Tag, dem 28. Mai 1918, ihre jeweiligen Republiken aus. Ende Oktober 1918 folgte die Niederlage der Osmanen und Deutschen im Weltkrieg und die Ablösung osmanischer Truppen in Transkaukasien durch britische. Doch die Kämpfe gingen dort weiter.

Nach einigem Hin und Her erklärte der Kommandeur der britischen Expeditionsstreitkräfte, General Thomson, Anfang 1919 Karabach für formal der Regierung Aserbaidschans unterstehend. Die Armenier Karabachs hielten Reihe von Kongressen ab, deren siebter schließlich am 15. August 1919 die aserbaidschanische Regierung anerkannte, wofür diese den Armeniern Karabachs Autonomierechte gewährte.

Der Konflikt hätte damit beendet sein können.

Doch es kam anders. Die Briten mussten im August 1919 Aserbaidschan verlassen. Auf der Pariser Friedenskonferenz gelang es indes nicht, den an sich erreichten Status in Berg-Karabach rechtsverbindlich zu machen. Das diplomatische Zeitfenster schloss sich, als die Bolschewiki im April 1920 Baku einnahmen.

Nun lag die Entscheidung über die Zukunft der Region in Moskaus Händen. Nach einigen Verhandlungen etablierte die Sowjetmacht am 7. Juli 1923 die „Autonome Region (Oblast) Nagorno-Karabach“ (russisch: NKAO). Die Sowjets bestätigten ausdrücklich, dass die NKAO formal Teil der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik blieb. Bis zum Ende der Sowjetunion 1991 änderte sich an diesem Status nichts.

Die Zeit von 1917 bis 1923 war für alle beteiligten Nationen traumatisch, sie wirkt bis heute nach. Die Armenier im Osmanischen Reich wurden seit 1915 Opfer des bis dahin größten Völkermordes der neuzeitlichen Geschichte. Niemand kann angesichts der Menge und Vielfalt der Beweise ernstlich die Realität des Genozids an den Armeniern leugnen, und personelle und historische Verbindungen zwischen der Geschichte des Osmanischen Reichs, Aserbaidschans und Armeniens in der Endphase des Ersten Weltkriegs sind unstrittig. Unbestreitbar ist auch, dass die Osmanen, historische Vorläufer der Türkeitürken, sprachlich und kulturell eng mit den Aserbaidschanern verbunden sind.

All dies nimmt die armenische Seite zum Anlass, immer wieder einen Zusammenhang zwischen 1915 und der Situation in Berg-Karabach heute herzustellen. In dieser Sichtweise wird die armenische Besetzung von Teilen Aserbaidschans zu einer Form des Widerstands gegen eine drohende Vollendung oder Wiederholung des Genozids von 1915 erklärt.

Aber ist diese Interpretation der Geschichte wirklich plausibel? Liegt in der Erinnerung an den Genozid und der Furcht vor seiner Wiederholung wirklich der wahre oder einzige Grund für das blutige Wiederaufbrechen des Konflikts um Berg-Karabach ab 1988? Sahen, wie ein proarmenischer Historiker in Bezug die Armenische Sozialistische Sowjetrepublik einmal schrieb, „im Frühjahr 1987 armenische Intellektuelle in der Reformpolitik Gorbatschows günstige Voraussetzungen für die Wiedervereinigung Berg-Karabachs und Nachitschewans mit der Sowjetrepublik Armenien“ vor allem deshalb, weil sie sich an 1915 erinnerten? (das Wort „Wiedervereinigung“ ist hier Teil der Propaganda, da Berg-Karabach zuvor niemals zur Armenischen Sowjetrepublik gehört hatte)? Oder waren die Motive komplexer?

Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass der aktuelle Konflikt um Berg-Karabach im Jahr 1988 begann, genauer gesagt mit einer Entscheidung des Regionalsowjets (einer Art lokaler Selbstverwaltung) der NKAO vom 20. Februar. Allein die 110 armenischen Regionalsowjetmitglieder verabschiedeten an diesem Tag einen revisionistischen Beschluss über die Änderung des Status der NKAO. Die Veröffentlichung dieses Textes steigerte die bereits vorhandenen Spannungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern enorm.

Wie das obige Zitat unterstreicht, ging die Initiative schon mindestens ein Jahr vor dem Beschluss von der Armenischen Sowjetrepublik aus. Die Bewohner der NKAO wurden von da an durch von Eriwan ausgehende massive politische Kampagnen beeinflusst. Der Autor des obigen Zitates äußert sich über die dabei mitschwingenden Motive der Armenischen SSR recht unverblümt, indem er auf deren Gebiets- und Wirtschaftsinteressen hinweist und dabei vielsagenderweise das deutsche Wort „Lebensraum“ verwendet.

Dass die armenischen Revisionisten und Eroberungsplaner jener Zeit mitnichten immer die Interessen der Armenier Berg-Karabachs vertraten, wurde auch später immer wieder deutlich. Etwa, als armenische Dorfbewohnern den Invasoren rund um den Terroristen Monte Melk´onian 1992 direkt ins Gesicht riefen: „Haut ab! Wir wollen hier keinen Krieg!“

Um die Ursachen der Eskalation ab 1988 zu verstehen, müsste endlich die Rolle armenischer Verschwörungstheoretiker und Pseudointellektueller wie Suren Ayvazyan (1933-2009) aufgearbeitet werden. Deren ebenso dümmliche wie brandgefährliche Statements zur antiken armenischen Geschichte haben die Eroberungsträume und Aggressionspläne von Armeniern ebenso befeuert wie etwa die Hassprosa eines Zori Balayan (*1935). Es ist kein Zufall, dass der Hobbyarchäologe, -linguist und -historiker Ayvazyan, unter anderem mit der in vollem Ernst vorgetragenen Behauptung hervorgetreten, dass der Name Evas sich vom modernarmenischen Wort für „und“ (ev) ableite, Leiter eines armenischen Komitees war, das sich Anfang 1988 für die Revision des Status der NKAO einsetzte und damit entscheidend zur Eskalation der Lage beitrug. Ein geistiger Brandstifter neben anderen.

Wohl niemand im Aserbaidschan der frühen 1990er hatte den Genozid von 1915 auch nur bewusst erlebt, geschweige denn verursacht. Wie hätte das nach 75 Jahren auch möglich sein sollen? Rechtfertigt die Erinnerung an den Genozid völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, illegale Besetzung fremden Territoriums und Zusammenarbeit mit mordlustigen Söldnern und Terroristen wie Monte Melk´onian (1957-1993), dessen Dienste die Armenier für Eroberungskrieg in Berg-Karabach in Anspruch nahmen? Kann eine historische Meinung je den Mord an Zivilisten, darunter Frauen, Kindern und Alten, rechtfertigen, wie ihn Armenier am 25. und 26. Februar 1992 in Xocalı begangen? 613 aserbaidschanische Zivilisten wurden nach aserbaidschanischen Angaben damals ermordet, in einem der schlimmsten Kriegsverbrechen der Nachkriegszeit.

Der Konflikt um Berg-Karabach, wie der Hass zwischen Armenien und Aserbaidschan überhaupt, ist zu komplex, um auf vereinfachende Interpretationen wie die Theorie über die Kontinuität zum Genozid von 1915 reduziert zu werden. Erst recht kratzt seine in Deutschland reflexartig betriebene Reduzierung auf einen Gegensatz zwischen „christlichen“ oder „abendländischen“ Werten und Muslimen im besten Fall an der Oberfläche. Nebenbei bemerkt hat seit September kaum ein Journalist, der bereitwillig die „christliche“ Karte im Berg-Karabach-Konflikt ausgespielt hat, auf die Unterstützung Armeniens durch den Iran hingewiesen – ein islamisches geprägtes Land, das vielen „abendländischen“ Werten eher distanziert gegenübersteht.

Gegenwärtig ist die Gefahr eines Stellvertreterkrieges real. Die welt- und regionalpolitische Situation ist so voller Unwägbarkeiten, dass niemand eine Voraussage wagen kann, wie es weitergeht. Möglich, dass der Konflikt erneut von äußeren Mächten, deren militärisches, wirtschaftliches und propagandistisches Potential das Armeniens und Aserbaidschans um ein Vielfaches übersteigt, wie die Türkei, Russland oder Iran, mehr instrumentalisiert als einer Lösung zugeführt wird.

Umso wichtiger ist es, sich um eine sachliche Beurteilung des Konflikts zu bemühen und naheliegenden Stereotypen zu misstrauen.

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