Georgier in Aserbaidschan

Print Friendly, PDF & Email

Ethnische Georgier Aserbaidschans leben in der Nähe der Stadt Gakh (az. Qax), im nordwestlichen Teil des Landes, im Dorf Alibeyli (az. Əlibəyli). In Aserbaidschan werden sie als Ingiloi bezeichnet, wobei sich die Bewohner selbst als echte Georgier betrachten. Bei der Art und Weise, wie sie leben, wird dies ebenfalls deutlich. Alles hier ist georgisch: deren Sprache, die Kirche, die Feste, Feiern und die gelebte Gastfreundschaft. Auch bei der Weinherstellung folgen sie hier den alten Regeln und Traditionen der Georgier.

Laut der Volkszählung 2009 lebten zum damaligen Zeitpunkt in Aserbaidschan etwa 10.000 Georgier mit aserbaidschanischer Staatsbürgerschaft.[1] Das waren etwa 0,1 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes. Die meisten Georgier leben auch aktuell noch in den Bezirken Zakatala und Balakän.

Präsident Margvelashvili bei einem Treffen mit ethnischen Georgiern (Ingiloi) im Bezirk Gakh, Aserbaidschan, im Februar 2014. Foto: Voice of America, Georgian service

Das Dorf Alibeyli (oder wie die Einheimischen es nennen: Alibeglo) ist 25 Kilometer von Gakh entfernt. Dabei handelt es sich um eine recht ausgebaute Siedlung mit guter Infrastruktur. Die Einwohnerzahl des Dorfes beträgt 2.000 Personen. Das Dorf hat einen Kindergarten, eine Schule, ein Krankenhaus und ein eigenes Theater. In der öffentlichen Schule wird übrigens in georgischer Sprache unterrichtet. Die aserbaidschanische Sprache wird in der Siedlung praktisch nicht gesprochen. Es gibt etwas mehr als 160 Schüler an der Schule, wobei sie Kapazitäten für 216 Kinder und Jugendliche hat, sodass keine Komplettauslastung herrscht. Auch an Lehrern mangelt es nicht: Die Schule beschäftigt 35 Lehrkräfte, fast alle davon sind Einheimische. Die Schule erhält größtenteils Schulbücher aus Georgien – oder es wird Literatur aus der russischen Abteilung aserbaidschanischer Schulen entnommen und entsprechend ins Georgische übersetzt. Laut dem Schuldirektor Arno Sanaschwili gibt es in diesem Bereich nur Probleme mit den Geschichtslehrbüchern[2], was nicht verwunderlich ist, da einige historische Ereignisse von Georgien und Aserbaidschan jeweils unterschiedlich dargestellt werden.

Die Hauptbeschäftigung der Einheimischen in Alibeglo ist das Sammeln und der Verkauf von Nüssen. Im Durchschnitt besitzt jeder Einwohner hier etwa einen Hektar Land, was mehr ist als der Durchschnitt in Aserbaidschan.

Lest auch / Читайте также
Prof. Dr. Wilfried Fuhrmann - Berg-Karabach: Der Neuanfang als Chance!
Georgische Familie in Alibeyli Foto: https://faiqmblog.wordpress.com/2017/04/25/azərbaycan-gurculəri/

Die Bewohner von Alibeglo halten sich in der Regel an alle georgischen Traditionen: Bei Festen wird Schaschlik aus Schweinefleisch serviert, dazu gibt es hausgemachten Wein aus Tonkrügen (die sog. Kvevri werden nach georgischer Weinbautradition in die Erde gegraben). Hier feiern sie die Taufe, das Fest des Heiligen Georgs und gedenken den Verstorbenen, indem sie Speisen zubereiten, die von diesen geliebt wurden (Praktik des sog. Sakmel) und Weihrauch auf Holzkohle verbrennen.

Im Dorf Alibeyli steht auf dem Hof der örtlichen georgischen Schule noch immer ein Stalin-Denkmal, das in den 1950er Jahren errichtet wurde. Foto: https://az.sputniknews.ru/culture/20160422/404805877.html

Kirche des Heiligen Georg

In der aserbaidschanischen Stadt Gakh sind zwei Kirchen des Heiligen Georg zu finden: Eine davon ist das aktive orthodoxe Gotteshaus der Diözese Kurmuchi und Gakh der georgisch-orthodoxen Kirche. Die Kirche wurde im 19. Jahrhundert erbaut. Sie gilt als architektonisches Denkmal von lokaler Bedeutung und als historisches Monument. Die Kirche steht weiterhin unter dem Schutz des Ministeriums für Kultur und Tourismus von Aserbaidschan.

Lest auch / Читайте также
Aserbaidschan befreit seine historische Stadt Schuscha - Bergkarabach

Nach aserbaidschanischer  Auslegung handelte es sich ursprünglich um einen alten albanischen Tempel namens Kürmük[3] , der christliche und muslimische Pilger gleichermaßen anzog. Der Kürmük-Tempel ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Einheimischen trotz der Annahme monotheistischer Religionen (Islam und Christentum) ihr altes Glaubenssystem nicht vergessen haben. Der Tempel soll selbst auf den Ruinen eines mittelalterlichen albanischen Klosters erbaut sein.

Eine der interessanten archäologischen Entdeckungen ist der sog. Mondtempel, der hier wahrscheinlich schon in der Antike auf felsigem Untergrund existierte. In der Gegend wurden geschnitzte Fragmente eines antiken Tempels gefunden, wobei der Ort immer noch als Pilgerstätte dient, die auch weiterhin gut besucht ist.

Im 19. Jahrhundert schlug das Russische Reich einen Kurs zur Stärkung der politischen Dominanz der aserbaidschanischen Chanaten ein, wofür eine Christianisierung der Bevölkerung durchgeführt wurde. An der Stelle der alten albanischen Kirche von Kürmük wurde nun eine orthodoxe Kirche gebaut. Die Einheimischen nannten das Gotteshaus aber weiterhin bei seinem ursprünglichen Namen und führten dort verschiedene Rituale durch, darunter die Feier der Kürmukoba. Schließlich benannte die georgisch-orthodoxe Kirche den alten Kürmük-Tempel in St.-Georgs-Kirche um.

Die georgische Seite beharrt hingegen, dass dieses Gotteshaus historisch nur georgische Kirche sei. «Die Kirche des Heiligen Georg  in Kurmuchi wurde viel später, im 15. Jahrhundert, auf dem alten georgischen Territorium Ereti erbaut, das dann von den Bolschewiken an Aserbaidschan übergeben wurde», heißt es in der Erklärung des Patriarchats von Georgien.[4]

Lest auch / Читайте также
Die bunten Fenster von Şəki (Sheki) - VİDEO

Die im Jahr 1855 erbaute Kirche des Heiligen Georg befindet sich im Bezirk Gakh in der Republik Aserbaidschan und gilt als orthodoxes Gotteshaus der Gakh- und Kurmukh-Diözese der georgisch-orthodoxen Kirche. Die Sowjetzeit war eine schwierige Phase für die Kirche: auf dem Hof gab es ein Kino, eine Tankstelle und eine Kolchose, während die Gottesdienste verboten waren.

1997 besuchte schließlich Ilia, der Patriarch von ganz Georgien, die Stadt und nahm danach die Gottesdienste dort wieder auf. Der Patriarch Ilia gab dem Vikar Lavra Davida Gareja daraufhin seinen Segen, fortan Messen zu halten und an der Gründung eines Klosters zu arbeiten. Wenig später wurde die Kirche dann eingeweiht.

Наверх