Ehe und Scheidung — Traditionelle Konsequenzen für eine Frau in Aserbaidschan

Ehe und Scheidung — Traditionelle Konsequenzen für eine Frau in Aserbaidschan

23. декабря 2021 0 Автор Mehmann Rzayev
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Mehmann Rzayev

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Kolumnist

Ehescheidung versteht sich als eine tragende Entscheidung im Leben der Ehegatten. Sie besteht aus zwei Komponenten, nämlich die Ehe und die Scheidung. Zusammen werden diese Teile zu einer wichtigen Entscheidung, welche Eheleute gemeinsam oder einzeln für sich treffen, wenn die Ehe nicht mehr das tut, was sie tun soll – die Gewährleistung von zwei Kategorien im Leben der Ehepartner: Glückseligkeit und spirituelle Zufriedenheit. Als Folge suchen sie diese zwei Kategorien weiter und zwar in der Trennung, welche dann zumeist die Scheidung zur Folge hat.

Auf den ersten Blick scheint die Scheidung eine Selbstverständlichkeit zu sein. Doch ist die Scheidung überall so selbstverständlich? Die Frage wird am Beispiel von Aserbaidschan erörtert.

Im Jahr 1919 wurde in Aserbaidschan das allgemeine Wahlrecht von der ehemaligen Demokratischen Republik Aserbaidschan eingeführt, wovon auch Frauen Gebrauch machen dürften. Die Allgemeinheit der Wahl ist ja den in einer Demokratie lebenden Menschen bereits bekannt. Dadurch wurde Aserbaidschan damals zur ersten Republik in Europa, das den Frauen die Wahlbeteiligung ermöglichte und galt zudem als erste Republik in der muslimischen Welt überhaupt. Laut Gesetz sind Frauen rechtlich auch heute den Männern gleichgestellt. Dies soll heißen, dass Frauen dieselben bürgerlichen Rechte und Pflichten besitzen wie Männer. In der Tat lässt das jedoch einen spekulativen Spielraum offen.

Heutzutage wird viel in die Gestaltung eines imposanten Images des Landes im Ausland investiert. Aserbaidschaner weisen gewisse Zuneigung zu Macht, Schönheit, schicker Bekleidung und Luxus auf, welche für bestimmte Anerkennung durch Anschein sorgen muss. Das angestrebte Image im Ausland dient ebenfalls zur Anerkennung der Bevölkerung, derer nationale Identität als Teilrepublik der Sowjetischen Union (UdSSR) öfters durch arrogante und autoritäre Nationalpolitik des „Großen Bruders“ verletzt wurde. Vor diesem Hintergrund soll auch die schöne und moderne Hauptstadt des Landes Baku den Schein eines offenen, modernen und liberalen Nationalstaates erwecken.

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Doch fährt man ein paar hunderte Kilometer in die Peripherie des Landes, wird man mit Situationen konfrontiert, wo Frauen als Eigentum ihrer Familie und nach der Eheschließung das des Ehemannes und seiner Familie gelten. Als Worthabende entscheiden Männer über das Finanzielle in der Familie. Somit ist die finanzielle Sicherheit der Frauen im Vergleich zu dem von Männern ziemlich schwächer. Von einer tatsächlichen Emanzipation ist folglich keine Rede. Unter diesen Bedingungen scheint eine Scheidung nicht eine gute Idee zu sein. So steht eine Frau meist vor einem Dilemma: ein Leben mit einem Mann, den sie nicht mehr liebt bzw. nie geliebt hat oder alternativ nach der Scheidung zu ihrem Vater bzw. zu ihrer Familie zu kehren, wo sie meistens – wenn es auch nicht ausdrücklich, aber wohl subtil, zum Ausdruck gebracht wird – unerwünscht sei. Glück und Seligkeit sind sodann zweitrangig, da hier zunächst einmal um das Überleben geht.

Nur wenige Frauen schaffen es, auf eigenen Beinen zu stehen. Selbst ein großer Anteil dieser Frauen steckt in geheimen Affären mit verheirateten Männern, die dann für ihre Versorgung gegen sexuelle Befriedigung, also Beischlaf als Gegenleistung, sich einsetzen – eine geheime Beziehung ohne Liebe, aber mit gewisser Zuneigung und bedingtem Respekt. Auch dies wird stillschweigend geduldet, wenn der Mann darüber nicht erzählt oder die anderen davon nichts wissen. Einige versuchen ihre natürlichen Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Liebe und Beischlaf insgeheim oder zum Teil durch „Likes“ auf sozialen Netzwerken zu erfüllen. Denn die Bekanntmachung dieser würde ihre finanzielle Sicherheit, welche massiv von ihrem Vater oder Bruder abhängt, sehr gefährden. Sie sind gehalten, das Gesicht ihrer Familie zu wahren. Infolgedessen sind dann Fälle von Ehrenmord nicht selten zu erblicken.

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Die absolute Mehrheit der Familien erwartet, ihre Söhne heiraten eine „saubere“ Frau d.h. eine Jungfrau, die noch keine sexuelle Erfahrung hatte. Denn die Jungfräulichkeit eines Mädchens gilt als Symbol der Sauberkeit und Reinheit. Es handelt sich hierbei um eine fiktive Sauberkeit, wonach in Genitalien einer Frau gesucht wird. Eine derartige Sauberkeit wirkt herabwürdigend und ist mit der spirituellen Sauberkeit im Kopf eines jeden gesunden Menschen nicht vereinbar. Somit sind die Chancen auf eine neue und ordentliche Eheschließung für eine geschiedene Frau gering, da sie als Frau zweiter Klasse eingestuft wird. Aufgrund dieser erbärmlichen und herabwürdigenden Diskriminierung leiden die geschiedenen Frauen des Öfteren unter vielen Problemen wie Verlust des Selbstwertes und Verzweiflung, Paranoia, Verachtung der physiologischen Bedürfnisse und Störungen psychologischen Charakters.

Unter Berücksichtigung der mentalen Besonderheiten des Landes und der gesellschaftlichen Prämissen versuchen die Frauen im Zuge der Ehescheidung sich zu verteidigen, indem sie ihren Ex-Ehemann schlechtreden, um dadurch eigene Entscheidung über Scheidung als Ultima Ratio rechtfertigen zu können. Das liegt wohl daran, dass die Familien meist die Entscheidung ihrer Töchter über Scheidung nicht akzeptieren – „Nur deine Leiche darf das Haus deines Ehemannes verlassen“. Die Position der Eltern ist – auch wenn inakzeptabel — nachvollziehbar, da sie lediglich das eigene Gesicht vor der Nachbarschaft und der Verwandtschaft, welche den Charakter ihrer Tochter in Frage stellen und ihr die meiste Schuld zuweisen, bewahren wollen.

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All dies macht die aserbaidschanische Mentalität hinsichtlich der Scheidung und der Lage der geschiedenen Frauen aus. Sichtlich fallen in diesem Teufelskreis auch die Eltern dieser Mentalität zum Opfer. Im Ergebnis entsteht in der aserbaidschanischen Gesellschaft eine kranke Männerwelt, die die Frauen als Objekt betrachtet und auf die Anzahl der gelungenen unehelichen Beischlafe – also Seitensprünge – stolz ist. Wie jede andere Krankheit bedarf auch diese Krankheit einer Heilung. Und diese Heilung beginnt mit der Bekämpfung der Stigmatisierung der Frauen durch die Wiederherstellung der allgemeinen Gerechtigkeit auf mentale Ebene in der Gesellschaft.

Die gegenwärtige Konstellation lässt die Frage, ob und inwiefern sich die rechtsstaatlichen Grundsätze in Anbetracht der gegenwärtigen Lage in einem vor hundert Jahren gegründeten Rechtsstaat wie Aserbaidschan vollumfänglich und effektiv entfalten, offen. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bereitet diese Frage als brisantes Thema hinreichend Stoff für eine fachliche Diskussion. Es herrscht allerdings nach wie vor Ruhe.

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