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Drei Bedeutungen von „Geschichte“: Zum Massenmord von Xocalı (Chodschali)

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Dr. Michael Reinhard Heß

Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417).

Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.

I        Die Geschichte der Historiker

Xocalı in Berg-Karabach hatte 1992 an die 6 000 Einwohner und einen eigenen Flughafen. Der Flughafen war für die armenischen Invasoren wichtig, weil es keine Landverbindung zwischen Berg-Karabach und Armenien gab.

Am 25. Februar 1992 gegen 23 Uhr griffen etwa 2 000 armenische Kämpfer Xocalı an. Der Überfall dauerte bis in die Morgenstunden des 26. Februar. An der Attacke beteiligte sich das 366. Infanterieregiment, eine noch aus der Armee der zwei Monate zuvor untergegangenen Sowjetunion stammende Einheit. Sie soll so gut wie vollständig aus ethnischen Armeniern bestanden haben. Die Angreifer waren den aserbaidschanischen Verteidigern Xocalıs numerisch und an Ausrüstung haushoch überlegen. Die Aserbaidschaner verfügten über etwa 40 Angehörige der Spezialeinheit OMON, dazu eine militärisch nicht gleichwertige Truppe von etwa 200 Mitgliedern einer Selbstverteidigungseinheit. Gegen die Panzer und das andere schwere Gerät der Angreifer waren sie chancenlos.

Nachdem die Armenier den militärischen Widerstand der Aserbaidschaner niedergekämpft hatten, zwangen sie die Zivilbevölkerung Xocalıs, die Stadt in Richtung des etwa zehn Kilometer östlich liegenden Ağdam zu verlassen. Dort befand sich damals noch eine aserbaidschanische Garnison. Die Straße nach Ağdam war der einzige Weg aus Xocalı, den die Armenier noch offengelassen hatten. Unterwegs beschossen die armenischen Angreifer die fliehenden Zivilisten. Während des Angriffs töteten sie nach aserbaidschanischen Angaben 613 von ihnen. Damit ist das Kriegsverbrechen von Xocalı nach Opferzahlen der zweitschlimmste Genozid im Europa der Nachkriegszeit, nach Srebrenica.

Um den Angriff auf Xocalı zu legitimieren und die dabei von der armenischen Seite begangenen Kriegsverbrechen zu relativieren, machte eine offizielle armenische Darstellung der Ereignisse den Ort zwei Jahre später zu „einem sehr bedeutenden militärstrategischen Knotenpunkt des Gegners“, „wo große militärische Formationen konzentriert waren“.[1]

Das Oberkommando über die armenischen Einheiten, die in Berg-Karabach operierten, hatte während des Kriegsverbrechens Սերժ Սարգսյան Serž Sargsyan. Er besetzte von 1993 bis 2007 den Posten des Verteidigungsministers Armeniens und von 2008 bis 2018 auch den des Präsidenten in dem Land. Man kann also sagen, dass einer der Hauptverantwortlichen für den Massenmord einen großen Teil der Geschichte des erneut unabhängigen Armeniens bestimmt hat. Zu Xocalı sagte Sargsyan selbst:

 

         „[B]efore Khojali, the Azerbaijanis thought that they were joking with us, they thought that the Armenians were people who could not raise their hand against the civilian population. We were able to break that [stereotype]. And that´s what happened.“[2]

 

Das Zitat spricht für sich. Sargsyan gibt darin unumwunden zu, dass der barbarische Massenmord von Xocalı in voller Absicht verübt wurde. Er verkündet mit unverkennbarem Stolz, dass derartige Kriegsverbrechen für ihn ein Mittel waren, der Politik Armeniens eine ernsthafte Dimension zu verleihen. Persönlich fühle ich mich durch das Zitat an Äußerungen erinnert, die dem von vielen Armeniern als Held verehrten Bolschewiki-Führers Ստեպան Շահումյան Stepan Šahumyan (1878-1918) zugeschrieben werden. Er soll sie nach einem anderen in Aserbaidschan verübten Genozid gemacht haben, bei dem unter seiner Führung Ende März 1918 allein in Baku mehrere Tausend Zivilisten von bewaffneten armenischen und Bolschewiki-Einheiten massakriert wurden:

 

We used a motive. It was the first attempt to attack our cavalry unit. We began an attack along the whole front… we already had 6 thousand armed men. Dashnaktsutyun had 3-4 ethnic units which were controlled by us. Their participation made the civil war look like an ethnic massacre, but it couldn’t be avoided. We did it on purpose.[3]

 

Der letzte Satz ist der wichtigste, verräterischste: „Wir haben es absichtlich getan.“

 

II       Die Geschichte aus Sicht der Opfer

Das Foto[4] zum hier geposteten Beitrag habe ich auf dem Märtyrerfriedhof von Baku gemacht. Gülmirә Murad qızı Mehdiyeva wurde nur drei Jahre alt. Sie ist nicht das einzige kleine Mädchen, das während des armenischen Angriffs auf Xocalı starb. Sie und die anderen Zivilisten starben in Xocalı – warum?

Es gibt eine Szene in Claude Lanzmanns Film „Shoah“, wo Lanzmann eine analoge Frage einem der von ihm aufgespürten Nazitäter stellt. Man sollte diese Frage, oder vielmehr die in dieser Frage unmissverständlich enthaltene Antwort, Serž Sargsyan und den anderen Verbrechern stellen, die den Massenmord von Xocalı zu verantworten haben. Dazu ist es noch nicht zu spät. Die Verurteilung des Kriegsverbrechers Ongwen in Den Haag könnte zeigen, dass die Zeiten, in denen die Weltgemeinschaft Kriegsverbrechen und Genozide mit Schweigen übergeht, doch endlich zu Ende gehen.

Die Geschichte der Opfer von Xocalı ist noch weitgehend unerzählt. Vielleicht auch deshalb, weil man derartiges Grauen nicht erzählen kann. Wer sollte es erzählen? Die zu Tode Gefolterten und Erschossenen hatten keine Zeit, irgendetwas zu hinterlassen. Es bleiben die Fotografien und Berichte der Überlebenden und Zeugen. Vieles ist schon aufgearbeitet worden. Aber es ist noch viel zu tun. Es gilt, die Geschichten der Opfer niederzuschreiben und die Erinnerung an sie wachzuhalten.

 

III      Die Geschichte(n) der Erzähler

Erzähler, die sich dem Thema „Xocalı“ widmen, können keine der beiden oben genannten Geschichten ignorieren. Die historische Wahrheit ist die Grundlage von allem. Selbst wenn sie nicht evoziert wird, wird sie bei jeder literarischen Zeile, die sich dieser Katastrophe widmet, unweigerlich im Hintergrund mitschweben. Aber kein guter Erzähler kann es sich leisten, auf die Geschichte der Opfer zu verzichten, auf das Erlebte, die Emotionen. Welcher von beiden Aspekten der Geschichte ist wichtiger? Wie verbindet man beide miteinander? Oder sind es am Ende doch zu trennende Geschichten im Plural?

Vor dem Hintergrund dieses Dilemmas wird jedes Schreiben über Xocalı zu einer Herausforderung. Sie besteht in einem seiltänzerischen Akt zwischen dem, was gesagt oder zumindest angedeutet werden muss, und dem Unsagbaren, zwischen Wirklichkeit und Illusion, zwischen Klarheit und Wahnsinn, zwischen Verzweiflung und dem Ringen um eine Fassung angesichts des unfassbaren Grauens.

Im Dezember 2014, mehr als zwanzig Jahre nach dem Massenmord, erschien der Erzählband „Kriegskinder“ (Muharibǝ Uşaqları) des aserbaidschanischen Schriftstellers Azad Qaradǝrǝli.[5] Die Geschichten kreisen ausnahmslos um den armenisch-aserbaidschanischen Krieg und seine Folgen, und zwar aus Sicht unmittelbar durch ihn Betroffener. Qaradǝrǝlis Erzählungen sind allesamt kurz, dabei vielfach dunkel, andeutungsreich, bisweilen schwer verständlich, oft sogar düster. Man versteht beim Lesen sofort, warum sie als „schwarze Geschichten“ (qara hekayәlәr) vorgestellt werden.

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In „Die Umarmung des Hundes“ (İt qucağı) [6] kommt der Massenmord von Xocalı direkt zur Sprache. Als Motto ist der Erzählung ein Text eines ohne jeden Zweifel geisteskranken armenischen Autoren vorangestellt:

         „Als wir Xocalı einnahmen, gingen wir in ein Haus hinein. Einer unserer Soldaten, namens Xaçatur, nagelte einen 13 Jahre alten Türkenjungen ans Fenster. Der Türkenjunge schrie und zeterte zu laut herum. Ich sagte zu Xaçatur, mach, dass er die Klappe hält. Xaçatur schnitt seiner Mutter die Brust ab und stopfte sie ihrem Kind in den Mund. Mit dem Skalpell, dass ich dabeihatte, weil ich von der Spezialausbildung her Arzt bin, zog ich die Kopf-, Brust- und Bauchhaut des Jungen ab. Ich schaute auf die Uhr. Der 13 Jahre alte Junge starb nach 7 Minuten. Meine Seele erfüllte sich mit freudigem Stolz. Xaçatur und ich schnitten den Leichnam des Jungen in lauter Stücke und warfen die Brocken den Hunden hin, und dasselbe machten wir auch noch mit drei weiteren Türkenjungen. Ich erfüllte meine Pflicht als Armenier. Ich wusste, dass jeder Armenier sich dessen rühmen wird, was wir getan haben.“

Xocalını әlә keçirdiyimiz zaman bir evә girdik. Xaçatur adında bir әsgәrimiz 13 yaşlı bir türk uşağını pәncәrәyә mismarladı. Türk uşağı çox sәs-küy salırdı. Xaçatura dedim ki, onun sәsini kәs. Xaçatur isә anasının döşünü kәsib balasının ağzına tıxadı. Mәn ixtisasca hәkim olduğum üçün üstümdә olan tibb bıçağı ilә uşağın başının, sinәsinin, qarnının dәrsini soydum. Saata baxdım. 13 yaşlı uşaq 7 dәqiqәdәn sonra öldü. Ruhum sevinclә qürrәlәndi. Xaçaturla mәn uşağın meyitini hissә-hissә doğradıq, tikәlәri itlәrә atdıq ve eyni şeyi daha üç türk uşağına qarşı etdik. Mәn bir ermәni kimi öz vәzifәmi yerinә yetirdim. Bildim ki, hәr bir ermәni bizim etdiklәrimizlә fәxr edәcәk.

 

Die Schockwirkung ergibt sich nicht nur aus diesen unfassbar barbarischen Worten selbst, sondern auch aus der überprüfbaren realen Existenz der betreffenden Person (die erst Ende 2020 aufgehört haben soll, zu leben). Diese besaß beispielsweise tatsächlich einen Abschluss in Medizin. Die Übereinstimmung zwischen der biographischen und der erzählerischen Realität beweist, dass es sich bei Qaradәrәlis Text um keine reine Fiktion handelt.

Die Handlung von İt qucağı erzählt eine ähnliche Geschichte wie die in dem Zitat wiedergegebene. Ein zehnjähriger Junge muss mitansehen, wie zwei gleichaltrige Mädchen von Armeniern zunächst aufgespießt und dann mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib verbrannt werden. Ein armenischer Offizier trennt den kleinen Jungen anschließend von seiner Mutter. Aus einer Hütte heraus, in die die Armenier den kleinen Jungen zusammen mit anderen Gefangenen einsperren, muss das Kind dann mitansehen, wie die Armenier einen Hund namens Kazbek auf seine Mutter hetzen. Das Tier reißt der Mutter ihr Ungeborenes aus dem Bauch. Wahnsinnig vor Schmerz über den Anblick seines toten Geschwisters und seiner unter unbeschreiblichen Qualen sterbenden Mutter beginnt der Junge, die Armenier anzubrüllen – was eine offensichtliche inhaltliche Parallele zu dem Motto-Zitat darstellt. Darauf zerrt der Anführer ihn aus der Hütte, um ihn nun ebenfalls dem Hund vorzuwerfen. Statt den Knaben wie erwartet zu töten, nimmt das Tier ihn jedoch zwischen seine Vorderpfoten – hierauf spielt der Titel der Erzählung an -, bevor der Armenier es erschießt, dabei den Jungen noch am Arm verwundend.

Gemeinsam mit einem älteren männlichen Gefangenen kommt der Junge im weiteren Verlauf der Erzählung infolge eines Gefangenenaustauschs frei. In geraffter Form erfahren wir, was sich in seinem weiteren Leben ereignet: Er geht zur Schule und bewirbt sich bei der Luftfahrtakademie, wo man ihn jedoch aufgrund seiner zu geringen Körpergröße ablehnt.

In einem reflektierenden Absatz beschreibt der traumatisierte Junge, wie er, zutiefst in seinem Inneren getroffen, mit dem Erlebten seither klarzukommen versucht. Er vergleicht sein Leben mit einem Drahtseilakt zwischen Leben und Tod:

         „Deine Körpergröße reicht nicht, haben sie gesagt. Aber bei mir reicht nicht nur die Körpergröße nicht, sondern vieles andere auch. Zum Beispiel bekomme ich nie genug Luft. Es ist, als ob ich ersticken würde… Und dann das Schlagen meines Herzens… Mein Herz schlägt nicht immer. Es bleibt plötzlich stehen, einfach nur so. Ich sage mir dann, jetzt muss ich wohl den Löffel abgeben. Aber ich sterbe nicht… Wenig später fängt es dann von selbst wieder an zu arbeiten. Und dann… Wie soll ich Ihnen das sagen? Eigentlich ist das mein Geheimnis, das ich von dieser Welt in jene Welt mitnehmen sollte: Ich bin kein richtiger Mann. Weiß Gott, ich habe alles versucht, aber nichts hat mir geholfen. Ich konnte mich nicht für Frauen und Mädchen interessieren… Eigentlich habe ich mich ja für sie interessiert. Aber schon in dem Augenblick, wo ich mich für sie interessierte, verwandelte sich die betreffende Frau oder das Mädchen in meine Mutter, und Kazbek packte sie und warf sich auf sie. Dann riss er ihr den Bauch auf und holte ihr Kind heraus… Und dann nahm mich dieser Hund zwischen seine Pfoten…“

Boyun çatmır dedilər. Amma mənim təkcə boyum yox, çox şeyim çatmır. Məsələn, havam çatmır hərdən. Elə bil boğuluram… Bir də ürəyimin döyüntüsü… Vurmur hərdən ürəyim. Elə-belə, qəfilcə dayanır. Deyirəm, yəqin indicə ölləm. Amma ölmürəm… Bir az sonra öz-özünə işə düşür… Bir də… Bunu necə deyim sizə? Bu, əslində mənim bu dünyadan o dünyaya aparacağım sirrimdir: kişiliyim yoxdur. Nə illah eləsəm də, illacım olmadı. Qadına, qıza baxa bilmədim… Baxdım əslində. Amma elə baxdığım andaca həmin qadın, ya qız dönüb anam olurdu, Kazbek də onu süpürləyib altına salırdı, sonra da qarnını yırtıb uşağı qarnından çıxardırdı… Sonra da o it məni qolları arasına alırdı.

Unmittelbar nach diesem Absatz erfahren wir, dass der Junge sich lange nach seien unvorstellbaren Erlebnissen in Xocalı selbst einen Hund zulegt, der ebenfalls Kazbek heißt. Der Hund symbolisiert das übermächtige Trauma, das keinesfalls in der Vergangenheit bleibt, sondern in der Gegenwart immer wieder neu ersteht. Das Trauma, das mit der Erinnerung an den Hund Kazbek verbunden ist, wird so beherrschend, dass es das ganze Leben des Jungen, einschließlich seines Sexuallebens, vollkommen dominiert. Anderseits führt diese Dominanz nicht zur Vernichtung. Dies verdankt sich dem liebevollen Aspekt Kazbeks, der sich in der Umarmung seiner Pfoten manifestiert und sowohl dem alten als auch dem neuen Hund eigen ist.

Das Motiv des Hundes zeigt, wie es der Hauptfigur unmöglich ist, zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, Gestern und Heute, Schrecken und Trost, Grausamkeit und Normalität  zu trennen. Möglicherweise haben die traumatisierenden Geschehnisse der Hauptfigur sogar die Fähigkeit geraubt, zwischen sich selbst und der Außenwelt zu trennen. Dieser Punkt wird von Qaradәrәli allerdings etwas im Dunkeln gelassen, da nicht gesagt wird, wer dem neuen Hund seinen alten Namen gegeben hat.

Die Tragik des Ich-Erzählers besteht darin, dass beide Aspekte des Hundes, der tragische und der tröstende, ihn gleichermaßen bestimmen. Dazu lässt Qaradәrәli seinen Ich-Erzähler sagen:

         „Ich habe einen Hund, und sein Name ist Kazbek. Ich lege immer meinen Kopf zwischen seine Pfoten und schweige dann lange. Er versteht, dass ein Mensch immer die Umarmung eines Hundes braucht. Eigentlich ist er in dieser lichten Welt das einzige Lebewesen, bei dem ich Zuflucht gefunden habe.“

Bir itim var, adı da Kazbekdir. Hərdən başımı qollarının arasına qoyub uzun zaman susuram. O da etiraz eləmir. Başa düşür ki, hərdən adamın it qucağına da ehtiyacı olur. Əslində bu işıqlı dünyada yeganə canlıdır ki, ona sığınmışam.

 

Ganz am Ende des Texts fügt Qaradǝrǝli noch einen als S. A. (söz ardı) („Epilog“) gekennzeichneten Abschnitt hinzu, in dem der Ich-Erzähler – von dem man annehmen muss, dass es sich um den inzwischen erwachsen gewordenen Jungen handelt – eine Sendung in dem russischen Fernsehkanal NTV sieht. Darin treten zwei Brüder auf, die offensichtlich aus dem Kaukasus stammen und einer Psychiaterin ihre psychologischen Probleme mitteilen. In einem der beiden Brüder glaubt der Zuschauer den Mörder seiner Mutter und seines Geschwisters zu erkennen. Denn der Mann gibt an, als Offizier in Karabach gekämpft zu haben und zur Zeit der Ereignisse von Xocalı ein Trauma erlitten und zwei Selbstmordversuche unternommen zu haben.

Im allerletzten Absatz der Erzählung reagiert der Ich-Erzähler auf diese Sendung, in dem er vom Rat seines Arztes berichtet, sich solche Sendungen nicht anzuschauen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Ebenen der Realität und der Fiktion in der Erzählung mehrfach gebrochen und die Perspektiven gewechselt werden, sowohl in personaler als auch in zeitlicher und räumlicher Hinsicht. Am Ende geraten sogar die Grenzen zwischen Opfer und Tätern ins Fließen, indem die möglicherweise als Täter identifizierbaren selbst unter den Spätfolgen ihrer Taten leiden, bis hin zum Selbstmordversuch.

Bereits über das Motto der Erzählung und dessen real existierenden Autoren wird das in der Erzählung wiedergegebene direkt mit der Realität von Xocalı verbunden. Das Erzählte erscheint außerordentlich wirklichkeitsgetreu. Anderseits ist die Dimension des Grauens auf allen erzählten Ebenen so unvorstellbar, dass die Grenzen zwischen Wahnsinn und normaler Wahrnehmung verschwimmen, wozu auch die mehrfachen Referenzen auf psychische Erkrankungen beitragen. Die verschiedenen gesellschaftlichen Instanzen, die in der Kurzgeschichte auftauchen – Ärzte, das Militär, die Schule, die Medien – können der Hauptfigur keinen Halt bieten. Zum Teil sind sie selbst zweideutig. So tritt die Welt der Medizin einerseits in Form der Heilung versprechenden Psychiaterin, anderseits auch in der Person des ausgebildeten Mediziners, der seinem 13-jährigen Opfer mit dem Skalpell die Haut abzieht, in Erscheinung.

Was dem zum Opfer gewordenen Jungen später, als Erwachsener, bleibt, ist eine von unauflösbarer Paradoxie und Zweifel geprägte qualvolle Erinnerung. Die Paradoxie besteht darin, dass die Vergangenheit einerseits vollkommen unerträglich und unvorstellbar ist, ihn anderseits aber nach wie vor in die Arme nimmt, ja sogar seine einzige Zuflucht darstellt. Die Zweifel werden durch die Fernsehsendung artikuliert, und man kann hierin vielleicht einen Hinweis auf die immer noch nicht vollständig erfolgte Aufarbeitung des Massenmordes von Xocalı sehen.

Das Meisterhafte an Azad Qaradәrәlis İt qucağı und den anderen Erzählungen aus den „Kriegskindern“ besteht einerseits in der Vielschichtigkeit und Vielfältigkeit der Perspektiven auf den Xocalı und andere Schauplätze des Berg-Karabach-Konflikts, anderseits in der Fähigkeit des Autoren zur Andeutung. Beides hängt miteinander zusammen und zwingt den Leser, sich seine eigene Sichtweise auf das Geschehen herauszubilden. Im  Unterschied zu vielen anderen Werken aserbaidschanischer Schriftsteller, die sich mit der Berg-Karabach-Thematik auseinandergesetzt haben, gibt Qaradәrәli seinen Lesern keine einfachen, klaren Antworten. Statt die üblichen, naheliegenden und verständlichen Reaktionen auf das Geschehen – wie klare Feinbilder, Hass und Rache – abzurufen, fordert er zu einer differenzierten Annäherung heraus, ohne die Realität des Grauens im mindesten zu beschönigen.


[1] Meine Übersetzung aus dem Russischen aus: Arutjunjan, V. B.: Sobytija v Nagornom Karabache. Chronika. Teil 4. Eriwan 1994. Nacional´naja Akademija Nauk Respubliki Armenii/ Izdadel´stvo „Gitutjun“. Seite 118.

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[2] Zitat aus: Babajew, Aser: Weder Krieg noch Frieden im Südkaukasus. Hintergründe, Akteure, Entwicklungen zum Bergkarabach-Konflikt. Baden-Baden 2014. Nomos. Seite 38.

[3] Quelle: Yelchuev, Orkhan: Events of March 1918 in Baku: how it was in reality. Https://vestnikkavkaza.net/analysis/politics/68706.html [besucht am 2. Februar 2021].

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[4]

[6] Qaradǝrǝli 2014: 33-38.

Das Foto zum hier geposteten Beitrag habe ich auf dem Märtyrerfriedhof von Baku gemacht.
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