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„Die Entwicklungen der letzten 200 Jahre stellen eindeutig unter Beweis, dass Aserbaidschan Opfer der armenischen Aggression ist.“ – Dr. Christian Johannes Henrich

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Dr. Christian Johannes Henrich

Dr. Christian Johannes Henrich

Forschungszentrum Südosteuropa und Kaukasus in Siegen

Alumniportal Aserbaidschan: Was glauben Sie, warum beherrscht Aserbaidschan in deutschen Medien hauptsächlich die negativen Schlagzeilen? Woher kommt die besondere Vorliebe für Armenien im Berg-Karabach Konflikt?

Dr. Christian Johannes Henrich: Aserbaidschan ist ja ein Land, das der Türkei ethnisch, kulturell, sprachlich und gewissermaßen historisch am nächsten steht. Nicht umsonst heißt es doch „Bir millet, iki devlet“ („Eine Nation, zwei Staaten“). Ich glaube, das ist der entscheidende Aspekt, den die deutschen Medienvertreter gerne aufgreifen. Im Wesentlichen wird dieser Umstand auf das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich 1915 zurückgeführt. Aus der Zeit um die „Armenien-Frage“ in Anatolien herum gab es in Deutschland schon damals eine zweischneidige Diskussion. Innerhalb der liberal-protestantischen Bewegung gab es zwei Vertreter, sprich Friedrich Naumann und Johannes Lepsius, die unterschiedlicher Auffassung waren. Während Lepsius die Ereignisse von 1915 als „Völkermord“ anerkennen lassen und einschlägige Propaganda machen wollte, hatte sich Naumann davon distanziert und die terroristischen Aktivitäten armenischer Freischärler vor Augen geführt. Doch aus der Lepsius-Linie heraus haben die meisten in Deutschland das Gefühl vertreten bekommen, dass „unsere christlichen Brüder“ tatsächlich Leidtragende sind und wenn die einfach sagen, „Wir sind Opfer“, dann ist es so. Es handelt sich m.E. um ein menschliches Problem, dass viele eher jemandem glauben, der aus der gleichen Religion und Ideologie kommt. Daher neigen Deutsche in der Wissenschaft wie auch in der öffentlichen Wahrnehmung dazu, Armenier in der Opferrolle und nicht in der Täterrolle zu sehen. Den Berg-Karabach Konflikt sollte man natürlich von der Armenier-Frage losgelöst betrachten. Wir haben mit einer ausgesprochen ethno-territorialen Auseinandersetzung zu tun, wobei die Bezeichnungen „Christen“ oder „Muslime“ komplett fehl am Platze sind. Armenier sind ja erst nach den russisch-persischen und russisch-türkischen Kriegen Anfang des 19. Jahrhunderts in die Berg-Karabach Region und andere Provinzen des heutigen Armeniens und Aserbaidschans umgesiedelt worden. In Berg-Karabach, das historisch betrachtet stets aserbaidschanisch war, wurde durch gezielte Übersiedlungspolitik die Bevölkerungsmehrheit künstlich zu Gunsten der Armenier verändert. Die Entwicklungen der letzten 200 Jahre stellen eindeutig unter Beweis, dass Aserbaidschan Opfer der armenischen Aggression ist. Nicht nur Berg-Karabach, sondern auch die umliegenden sieben Provinzen, insgesamt also 20 Prozent der international anerkannten Territorien Aserbaidschans wurden von armenischen Truppen völkerrechtswidrig annektiert. Ich frage mich, wie man ein Land als Aggressor darstellen kann, dessen territoriale Integrität vor 25 Jahren verletzt wurde und die Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung, sowie durch ein genozidäres Massaker 1992 in Chodschali stark gelitten hat. Dabei war Chodschali, trotz eines kleinen Flugfeldes, von keiner größeren strategischen Bedeutung. Es ging den armenischen Besatzern in Chodschali also nicht um eine kriegsrelevante Eroberung, auch nicht allein ums Töten, sondern um eine bestialische Erniedrigung und vollständige Auslöschung der aserbaidschanischen Ethnie in Berg-Karabach. Wenn die OSZE, UNO und andere internationale Institutionen Armenien zwecks Beendigung des Besatzungsregimes nicht unter Druck setzten, entsteht die Frage, wie lange muss Aserbaidschan das ganze hinnehmen?

Portal: Was sind ihnen zufolge die Haupthindernisse für die völkerrechtliche Beilegung des armenisch-aserbaidschanischen Konfrontation um Berg-Karabach?

Dr. Christian Johannes Henrich: Eine Lösung kollidiert natürlich in erster Linie mit politischen Interessen Russlands. Eine erste und absolute Notwendigkeit für mich ist die unbedingte Rückgabe von sieben umliegenden Bezirken, aus der die Mehrheit der aserbaidschanischen Flüchtlinge stammt. Das mehrheitlich armenisch besiedelte Berg-Karabach sollte in einem zweiten Schritt einen breiteren Autonomiestatus innerhalb der Republik Aserbaidschan erlangen. Das verhindert aber Russland mit allen möglichen Mitteln. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Armenien und Aserbaidschan sich gerne eine baldige Lösung wünschen, müssen dennoch dem ständigen russischen Einfluss entgegensehen. Moskau ist bekanntlich Vetomacht im UNO-Sicherheitsrat und blockiert dort jegliche Entscheidungen, die seinen Hegemonieanspruch im Kaukasus in Frage stellen könnten. Es ist also äußerst schwierig, solange der Kreml die Finger im Spiel hat.

Bergkarabach – der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan. Religiös motiviert?

Fast in jeder deutschen Online-Zeitung oder -Zeitschrift ist im Bezug auf den Begrkarabachkonflikt die Rede von einem „chritstlichen Armenien und muslimischen Aserbaidschan“.
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