Bergkarabach — der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan. ReligiΓΆs motiviert?

Am 12. Juli 2020 sind an der Staatsgrenze zwischen Armenien und Aserbaidschan wieder schwere KΓ€mpfe ausgebrochen, die seit April 2016 geruht haben. Es handelt sich dabei um MilitΓ€rstandorte und Zivilobjekte der Republik Aserbaidschan in der Region Tovuz (Towus) im Nordwesten und der Republik Armenien im Bezirk Tawusch im Nordosten.

Im Zuge dieser Gefechte sind bereits zwâlf aserbaidschanische und fünf armenische Angehârige des MilitÀrs ums Leben gekommen. Seit dem ersten Tag der Auseinandersetzung verfolge ich achtsam die deutschen Medien, um deren Berichterstattung zu beurteilen. Die ersten Tage war dies aus meiner Sicht zum großen Teil ausgewogen. In den letzten Tagen wurde ich hingegen sehr enttÀuscht, was die Berichterstattung in diesem Zusammenhang betraf. Ich frage mich daher, ob jeder Journalist von anderen die Nachrichten einfach abschreibt, oder ob es in Deutschland gewissermaßen nur eine Berichterstattung gibt, an die sich alle unbedingt anpassen müssen. Ihr seid doch aber keine Papageien, die alles bloß kopieren! Oder irre ich mich da?

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Worum geht es eigentlich konkret in diesem Fall?

Β 

Fast in jeder deutschen Online-Zeitung oder -Zeitschrift ist in Bezug auf den Begrkarabach-Konflikt die Rede von einem β€žchristlichen Armenien und muslimischen Aserbaidschanβ€œ. Ich bezweifele Eure geografischen Kenntnisse nicht. Ihr wurdet wahrscheinlich auch in der Schule darΓΌber unterrichtet, dass es einst eine Sowjetunion gab, in der 15 Sowjetrepubliken existierten. Ihr seid wahrscheinlich ebenso informiert, dass nach der AuflΓΆsung der Sowjetunion in unterschiedlichen neugegrΓΌndeten Republiken separatistische Bewegungen oder BΓΌrgerkriege ausgebrochen sind. Als Ergebnis haben wir heute im postsowjetischen Raum die folgenden Konflikte: In Georgien gibt es die separatistische Sezessionsbewegung in Abchasien und SΓΌdossetien, die seit 2008 offiziell als Konflikt zwischen Russland und Georgien gilt. Wir haben den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach, einen ungelΓΆsten Konflikt in der Moldauregion um Transnistrien und seit 2014, nach der Krim-Annexion, einen neuen Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Im Vergleich zum Bergkarabach-Konflikt ist die BevΓΆlkerung in den anderen aufgefΓΌhrten FΓ€llen meist christlich geprΓ€gt, sodass es keinen Sinn machen wΓΌrde, den Konflikt als religiΓΆs zu definieren. Interessanterweise sind Russland, Georgien und die Ukraine sogar zum großen Teil orthodox ausgerichtet. Trotz all dieser Aspekte kΓ€mpfen sie. Sie stehen trotz der gleichen Glaubensrichtung in Konflikt. Nun mΓΆchte ich Euch, meine lieben Journalisten, fragen: Was unterscheidet all die genannten Konflikte voneinander? Ich kann es Euch gern verraten: Nichts. Überhaupt nichts! All die aufgelisteten Konflikte, sei es Bergkarabach, Abchasien, SΓΌdossetien oder Transnistrien, sind Γ€hnlich. Es geht um eine separatistische Sezessionsbewegung, in der ein Teil der BevΓΆlkerung eines Landes mit Waffen gegen die zentrale Regierung kΓ€mpft und die UnterstΓΌtzung von außen bekommt.

Die hΓ€ufige Wiederholung der Γ„ußerung ΓΌber diesen Konflikt β€žzwischen dem christlichen Armenien und muslimischen Aserbaidschanβ€œ drΓ€ngt mich zu dem Gedanken, dass die deutsche Berichterstattung ausgerechnet das schreibt, um eine europΓ€ische, anti-islamische Rhetorik hervorzuheben. Viele von Euch wart noch nie in Aserbaidschan, kennt weder Land, Menschen, noch Kultur, berichtet aber ΓΌber dieses Land, vollkommen planlos. Ihr MΓΆchtegernjournalisten! Ihr seid wahrscheinlich kaum darΓΌber informiert, dass Aserbaidschan vor allem ein sΓ€kulares Land ist.

Das amerikanische Meinungsforschungsinstitut Gallup fΓΌhrt regelmÀßig Umfragen durch, u.Β a. ΓΌber die ReligiositΓ€t der Staaten. Interessanterweise zeigen hierbei die Ergebnisse in Bezug auf eben diese ReligiositΓ€t, dass Armenien mit > 90Β % fast immer religiΓΆser als Aserbaidschan mit > 30Β % abschneidet. Wenn deutsche Medien in deren Berichterstattung immer wieder die Formulierung β€žzwischen dem christlichen Armenien und muslimischen Aserbaidschanβ€œ hervorheben mΓΆchten, raste ich bald komplett aus. Soll ich als Aserbaidschaner die Tatsache vergessen, dass in den KΓ€mpfen fΓΌr Aserbaidschan, die Personen, die gefallen sind, aus unterschiedlichen religiΓΆs-kulturellen HintergrΓΌnden stammten? Sie kΓ€mpften nicht fΓΌr deren Religion, sie kΓ€mpften fΓΌr das Land, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Es ist eine Tatsache, dass in Aserbaidschan das Wort β€žMΓ€rtyrerβ€œ nicht aus der islamischen Perspektive definiert wird. Sei es der PrΓ€sident, ein geistliches Oberhaupt oder ein Wissenschaftler – definieren sie das Wort MΓ€rtyrer fΓΌr derjenigen, der fΓΌr sein Land, seine Heimat und seine Familie gefallen ist – nicht fΓΌr seine Religion. An dieser Stelle mΓΆchte ich Euch auf zwei Beispiele aufmerksam machen: Ich wurde in einem russischen Dorf in Aserbaidschan geboren. Seit der Schulzeit war mir bekannt, dass auch mein Dorf einen russischen MΓ€rtyrer mit molokanischer religiΓΆser Abstammung beheimatete. Sein Name war Beljakov Vasilij Nikolaevič (1969-1993). Letztes Jahr war ich dann in Aserbaidschan in der β€žRoten Siedlungβ€œ, im Norden Aserbaidschans, wo aserbaidschanische Bergjuden auf engstem Raum leben. Bei meiner Reise bin ich auf eine Gedenktafel fΓΌr Albert Agarunov aufmerksam geworden.

Im Zuge des Berg-Karabach-Krieges fiel Agarunov bei der Verteidigung der aserbaidschanischen Stadt Schuscha. Er wurde daraufhin postum als Nationalheld der Republik Aserbaidschan ausgezeichnet. Im Zuge des Krieges gab er ein Interview, in dem er stolz betonte: β€žIch kΓ€mpfe fΓΌr das Land, in dem ich geboren binβ€œ.Β 

FΓΌr mich macht es keinen Unterschied, wie die Hintergrundgeschichten der MΓ€rtyrer lauten. Alle Aserbaidschaner, die fΓΌr ihr Land fielen, sind Helden fΓΌr mich, weil sie uns vor der armenischen Aggression gerettet haben. 20Β % der aserbaidschanischen Territorien sind aber weiterhin unter armenischer Besetzung und ΓΌber eine Million Aserbaidschaner dΓΌrfen immer noch nicht die GrΓ€ber ihrer verstorbenen Familien und Vorfahren besuchen.

Bitte gießt mit den irrefΓΌhrenden Mitteilungen kein Γ–l ins Feuer. Im Falle des Konfliktes zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach handelt es sich einzig und allein um einen politisch-territorialen Konflikt, der faktisch nicht religiΓΆs begrΓΌndet ist.

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Bergkarabachkonflikt: Argumentationen Armenien vs. Aserbaidschan

In Bezug auf den Bergkarabachkonflikt gibt es auf beiden Seiten zwei ziemlich kontroverse Vorstellungen, die man ausdiskutieren sollte. Ich bin inzwischen vorbelastet und es leid, immer selektive Darstellungen des Konflikts seitens der deutschen Medien zu lesen.

Π‘ΠΎΠ»ΡŒΡˆΠ΅ Π½Π° MasimπŸ’›v

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Masimov

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