20. Januar 2021: 31. Jahrestag des „Schwarzen Januars“ von Baku

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 Dr. Michael Reinhard Heß

Dr. Michael Reinhard Heß

Michael Reinhard Heß ist promovierter und habilitierter Turkologe. Thema der Habilitation waren Leben und Sprache des aserbaidschanischen Dichters İmadәddin Nәsimi (1370–1417).

Zum Thema Karabach hat er die Bücher „Panzer im Paradies“ (Dr. Köster 2016) und „Karabakh from the 13th century to 1920“ (Gulandot, 2020) verfasst.

In den letzten Wochen, Monaten und sogar Jahren ist in Deutschland, speziell in Ostdeutschland, eine Welle der Kommunismus-Ostalgie zu spüren. Die DDR sei ja gar nicht so schlecht gewesen, vieles sogar besser als in der Bundesrepublik und/ oder heute. Kitas, Frauenrechte, frühere Abschaffung der Schwulendiskriminierung und vieles andere werden in endlosen Artikelkaskaden vor allen Dingen in Ostdeutschland verwurzelter Publikationsinstitutionen beschworen.
Das mag ja alles seine Berechtigung haben. Die Geschichte ist selten schwarzweiß. Aber als bekennender Ex-Wessi vermisse ich bei dieser ganzen Diskussion schmerzlich eine angemessene Würdigung der Opfer der kommunistischen Diktaturen. Wie viele von denjenigen, die sich über die angeblich ungerechte Behandlung der Ex-DDRler nach 1990 echauffieren, echauffieren sich mit derselben Verve über das unermessliche Unrecht, welches die bloße Existenz des kommunistischen Blocks bedeutete? Wie oft erinnerten die DDR-Relativierer an die Bolschewiki-Usurpation im November 1917, ihre Wahlmanipulationen (unter anderem in Baku), Tschekamorde, ihre endlosen Genozide, den Holodomor, die unfassbaren Mordorgien der „Repression“, den Hitler-Stalin-Bund, GULAG, alle die politischen Morde und die zahllosen weiteren Verbrechen? Und tragen die endlosen Fernsehfeatures, -dokus und -spielfilme mit Stasiflair trotz der in ihnen enthaltenen Kritik nicht in der Summe zu einer unangemessenen Romantisierung, spricht Verharmlosung der mörderischen DDR-Diktatur bei? Vielfach ist diese ganze grausam-graue Zeit nur noch als überwundene und softgespülte Kulisse spürbar. Vorbei, vergangen, überwunden?

Nach ungefähr zehn Jahren etwas vertiefter Beschäftigung mit der Geschichte einiger postsowjetischer Völker außerhalb der DDR kann ich die deutsche Tendenz zur Verharmlosung und einseitigen Darstellung der kommunistischen Diktatur am Beispiel der DDR nur mit größter Verwunderung wahrnehmen. Weder bei den Kasachen noch bei den Aserbaidschanern, zwei ebenfalls postkommunistischen Nationen, ist mir beispielsweise Vergleichbares begegnet. Ohne dass man dort die Leistungen, die auf verschiedenen Gebieten während der Sowjetzeit erbracht wurden, leugnen oder gar die großartigen Intellektuellen, Wissenschaftler, Künstler, Ingenieure und anderen Menschen der Sowjetära in ihrer Lebensleistung herabmildern würde, ist man dort viel klarer in der Lage, Verbrechen Verbrechen zu nennen und Maßnahmen einer erbarmungslosen Diktatur als solche zu erkennen.

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Das vollkommene menschliche, wirtschaftliche und politische Scheitern des für einige kurze Jahre so hoffnungsvoll begonnenen kommunistischen Experiments war in den späten 1980ern weltweit sichtbar geworden. Auch die Aserbaidschaner, die ihre Freiheit und Unabhängigkeit durch einen militärischen Überfall der Bolschewiki im April 1920 verloren hatten, begannen auf den Plätzen und Straßen, in den Zeitungen und Büchern ihre Sehnsucht nach dem Menschenrecht der Freiheit zu artikulieren.

Am 16. Januar 1990 schließlich meldete der Chef der Kommunistischen Partei Aserbaidschans, Әbdürrәhman Vәzirov, nach Moskau, dass die sich in Aserbaidschan gegen die Sowjetherrschaft formierende Opposition eine Gefahr für die bestehende Ordnung sei. Er empfahl daher das bei allen Kommunisten zu allen Zeiten mit großem Abstand beliebteste Mittel politischen Handelns: Gewalt.
Kurz darauf wurden sowjetische Truppen in die Umgebung Bakus verlegt. Die Bevölkerung reagierte auf diese Bedrohung am 17. Januar mit einem Generalstreik. Vor dem Gebäue des Zentralkomitees (ZK) der Kommunistischen Partei Aserbaidschans versammelten sich massenweise Demonstranten.

Michail Gorbatschow, der von vielen im Westen immer noch als Retterfigur verehrt wird, befahl daraufhin dem sowjetischen Militär den gewaltsamen Eingriff. Unter seiner Federführung fasste das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR am 19. Januar 1990 den Beschluss, den Ausnahmezustand in Baku zu verhängen. In der Nacht vom 19. auf den 20. Januar 1990 wurde dann unter Leitung des erst 2020 verstorbenen Sowjetmarschalls Dmitrij Timofeevič Jazov der sowjetische Militärangriff auf die aserbaidschanische Zivilbevölkerung durchgeführt. Jazov, der sich übrigens 1991 am Moskauer August-Putsch gegen Gorbatschow beteiligte und damit den finalen Akt in der Geschichte der Sowjetunion mitprägte, gab später unumwunden zu, dass das eigentliche Ziel der sowjetischen Miltäroperation in Baku im Januar 1990 die Verhinderung einer Machtübergabe an eine nichtsowjetische Regierung war. Das ist zu allen Zeiten der Lackmustest für alle Despoten, von Mao bis Trump und Erdoğan: man erkennt sie an der buchstäblich alles beherrschenden Gier, mit der sie am einzigen Sinn ihres Daseins festhalten: der Macht. Was folgte, war ein Massaker, bei dem die Truppen der sowjetischen Tyrannei in Baku (nach aktuellen Angaben der Aserbaidschanischen Botschaft in Deutschland) 147 Zivilisten ermordeten und 744 schwer verletzten. Hunderte wurden verhaftet.

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Flashback: Ich erinnere mich noch ganz dunkel, dass ich diese Ereignisse schon damals in Fernsehbildern verfolgte. Die Erinnerung ist so dunkel, dass ich nicht mehr weiß, wo und in welchem Zusammenhang die Bilder gezeigt wurden. Massen, die sich auf mir unbekannten Plätzen in einem mir unbekannten Land versammelten. Ausgezehrte Männer mit Bart, die offensichtlich litten und bedroht wurden. Von wem und warum, war mir damals vollkommen unklar. Aber die Bilder waren eindrucksvoll und sind mir im Gedächtnis geblieben, bis heute. Zivilisten, die sich versammelten, um gemeinsam zu leiden. Als ich jüngst wieder einige von Aserbaidschanern auf Facebook gepostete Bilder aus der Zeit sah, wurde mir klar, dass ich damals Bilder aus Baku gesehen hatte. Mittlerweile ist mir klar, dass die Unklarheit über den Kontext der Bilder aus Baku Teil des Kontextes selbst war: Man feierte im Westen damals Gorbatschow als Heilsbringer, Propheten von Glasnost´ und Perestrojka, da war zu viel Wissen über die dunkle Seite seiner Macht nicht angebracht.
Das Massaker von 1990 ist als „Schwarzer Januar“ (Qara Yanvar) in die aserbaidschanische Geschichte eingegangen. Heute jährt es sich zum 31. Mal. Zeit für uns, der Opfer zu gedenken und der Gründe, warum sie starben und litten. Zeit, über Freiheit nachzudenken und über Stämme, die auch nach Jahrhunderten und Jahrtausenden immer neuer Triebe und Blüten bekommen, auch wenn die Kettensägenmörder*innen der Weltgeschichte immer wieder versuchen, das Wachsen der Freiheit einzudämmen und die Saat der Menschenrechte zu vernichten. Aber auch Zeit darüber nachzudenken, dass der Kampf um die Freiheit nicht immer unter Panzern zermalmt wird, wie 1953, 1956, 1968, 1989, sondern dass er manchmal auch trotz der Opfer ein Happyend hat.

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